Wie Weltkarten ein eurozentrisches Weltbild spiegeln

Die Erde ist rund. Deshalb sind die Kontinente auf zweidimensionalen Landkarten verzerrt abgebildet. Aber wie diese Verzerrungen ein koloniales Weltbild transportieren können, ist nur wenigen Menschen bewusst.

Ein bisschen Kartografie

Die Herausforderung für Kartograph_innen besteht darin, die runde Erde auf eine flache Oberfläche zu projektieren. Das Dilemma dabei ist, dass es nicht möglich ist, zugleich Form und Größe genau darzustellen. Um die reale Form der Landmassen darzustellen, müssen die richtigen Proportionen geopfert werden. Die traditionellen Mercator-Karten stellen die Gebiete in Polnähe um ein Vielfaches zu groß dar, die Gebiete am Äquator viel zu klein. Unter Kartograph_innen ist diese Verzerrte Darstellung als "das Grönland-Problem" bekannt. Grönland scheint auf vielen Karten etwa die Größe von Afrika zu haben. Dabei ist die Landmasse Afrika etwa vierzehnmal größer. (Grönland: 2,2 Millionen qkm , Afrika: 30,3 Mio. qkm )

Weil die Gebiete zu den Polen hin um ein vielfaches größer dargestellt werden, wird die Antarktis wird meist abgeschnitten, um Platz zu sparen. Dadurch nimmt die nördliche Halbkugel 60% der Fläche ein und die südliche Halbkugel nur 40%. Die Größe und Bedeutung der Entwicklungsländer (die zum großen Teil im Süden liegen) wird verringert.
Obwohl die Mercator-Karten von 1569 ursprünglich nur zur Navigation auf See gedacht waren, setzten sie sich bald allgemein durch. Sie spiegelten das koloniale Weltbild seit der Entdeckung Amerikas: Europa im Zentrum und viel größer, als es tatsächlich war.

Alternativen 

Als in der zweiten Hälfte unseres Jahrhundert die Kolonialherrschaft der europäischen Mächte zerbrach, verlor die Mercatorkarte, die fast vierhundert Jahre lang Ausdruck und prägende Grundlage unseres Weltbildes gewesen ist, ihre alles beherrschende Stellung: Die Peterskarte von 1973 ist eine flächentreue Karte: ein Quadratzentimeter auf der Karte entspricht einer bestimmten, jeweils gleichen Fläche in der Wirklichkeit, egal ob am Nordpol oder am Äquator.
Sie ist nicht die einzige; es gibt hunderte verschiedener Projektionen, aber nur wenige sind in Gebrauch. Die Mollweidekarte wird üblicherweise verwendet, um Verteilungen (z.B. der Weltbevölkerung, der Religionen...) darzustellen. Die Homolosine von J. Paul Goode sieht aus wie eine aufgeschnittene Orangenschale, wodurch die Landmassen weniger deformiert werden als bei anderen flächentreuen Karten - denn die Flächentreue wird nur möglich durch Verzicht auf Winkeltreue. Bei flächentreuen Karten entspricht deshalb die Form der Kontinente nicht der Wirklichkeit.

Die Peterskarte wurde von der Welt-Ernährungsorganisation FAO, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF, der Weltorganisation für Entwicklungshilfe UNDP, Weltmission, missio, Christian Aid, der Erziehungsorganisation der Vereinten Nationen UNESCO und Caritas weltweit in über 22 Millionen Exemplaren verbreitet. Die neue Weltkarte wurde Symbol für die Gleichberechtigung aller Völker der Erde.

Seit Willy Brandt sie zum Wahrzeichen der Nord-Süd-Kommission machte, steht sie auch für die soziale Befreiung der armen Dreiviertel der Weltbevölkerung. Die bisherige Benachteiligung dieser Menschen durch das eurozentrische geographische Weltbild wurde durch die Peterskarte ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gerückt.

Der Peters-Atlas

Auch die meisten Atlanten spiegeln das eurozentrische Weltbild wieder: Mehr als die Hälfte der Karten aller bisherigen Atlanten bringen europäische Länder zur Anschauung, dabei bedeckt Europa nur ein Sechzehntel der Landoberfläche der Erde. Die übrigen fünfzehn Sechzehntel der Landflächen werden in der zweiten Atlashälfte zusammengedrängt. Im Peters-Atlas wird die ganze Erdoberfläche im gleichen Maßstab abgebildet.

Auch die Geländedarstellung hat Peters neu gestaltet: In den üblichen Atlanten ist Tiefland grün und Berge braun. Für Europa stimmt diese Einfärbung; hier ist das Tiefland bewachsen und das Bergland meist öde. Anders z.B. in Nord-Afrika: Das Tiefland ist meist Öde, Wüste und erst im Gebirge wird es allmählich grün. Peters stellt die Höhe durch veränderte Helligkeit dar, und konnte dadurch die Farben zur Kennzeichnung der Bodenbedeckung nutzen: Grün für Vegetation, braun für Ödland und Wüste.

 

Empfehlenswerte Bücher zu Eurozentrismus, Post-colonial Studies:

 

Der Peters Atlas und kritische Geografie