Würzburg

Ich wollte ein paar Tage raus, irgendwohin, wo alles etwas kleiner wirkt, überschaubarer, aber nicht still. Würzburg? Warum nicht? Vom Bahnhof aus hört man gleich das Rattern der Straßenbahnen. Sie scheinen die Stadt zusammenzuhalten, Linien zwischen Alltag und Geschichte.

Ich bin die Domstraße hinuntergelaufen. Der Wind hat nach Bäckerei gerochen, süß und warm. Irgendwann stand ich vor dem Dom, dieser große graue Körper aus Stein, der weder kühl noch erhaben wirkt, eher wie ein alter Bekannter. Drinnen leise Schritte, Stimmen, die sich verlaufen. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt, ohne zu wissen warum. Ich mag Orte, die sich nicht sofort erklären.

Später bin ich Richtung Alte Mainbrücke gegangen. Ich hatte von ihr gehört, wie jeder. Aber ich habe nicht erwartet, dass sie so lebendig ist. Menschen mit Weingläsern in der Hand, Studenten, Paare, Touristen mit Kamera. Ich habe mich auch eins genommen, ein Glas Silvaner aus einem kleinen Ausschank. Ein alter Mann hat neben mir gestanden und mir erzählt, dass er jeden Freitag hierherkommt, seit Jahren. Ich habe genickt und auf die Festung geschaut, hoch oben über dem Fluss. Der Wein war trocken, kaum fruchtig. Ich habe ihn langsam getrunken.

Das Licht war weich, fast golden, als ich zum Käppele aufgestiegen bin. Der Weg zieht sich, aber am Rand blühen Sträucher, und durch die Weinberge sieht man das Wasser. Es riecht nach Erde und Holz. Ich bin mehrmals stehen geblieben, nicht aus Erschöpfung, nur um zu sehen, wie sich die Stadt verändert, je weiter man hinaufgeht. Vom Käppele aus wirkt alles friedlich, geordnet, fast zu schön. Ich habe eine Mutter beobachtet, die ihrem Kind etwas ins Ohr flüsterte. Das Kind hat gelacht, laut und klar, über die ganze Terrasse hinweg.

Am nächsten Morgen bin ich früh aufgestanden. Frühstück in einem kleinen Café am Marktplatz. Schwarzer Kaffee, Marmelade aus Johannisbeeren. Ich habe beobachtet, wie ein Händler seinen Stand aufgebaut hat – Bretter, Tische, Kisten mit Äpfeln, Käse, Brot. Er hat sich Zeit gelassen. In Würzburg scheint niemand besonders zu hetzen. Ich habe das geschätzt.

Ich wollte die Residenz sehen, obwohl ich oft skeptisch bin, was große Bauwerke angeht. Alles zu prunkvoll, zu viel Inszenierung. Aber in Würzburg war es anders. Die Residenz steht nicht wie ein Denkmal im Weg, sie gehört irgendwie zum Stadtbild. Das Treppenhaus, diese Decke von Tiepolo – ich hatte davon gelesen. In echt sieht man kaum, wo Malerei aufhört und Architektur beginnt. Ich habe fast vergessen zu blinzeln. Die Führerin hat über den Bombenangriff gesprochen, über das, was verloren ging. Ich habe mich unwohl gefühlt, weil ich nur über die Farben nachgedacht habe, nicht über die Geschichte.

Am Nachmittag wollte ich raus aus dem Zentrum. Ich bin Richtung Zellerau gelaufen, einfach dem Ufer entlang. Auf dem Weg stand ein alter Industriebau, verfallen, aber schön. Daneben Graffiti, und ein paar Jugendliche mit Musikboxen. Ich habe mich in den Schatten gesetzt und gedacht, dass hier zwei verschiedene Städte nebeneinander existieren: das gepflegte, barocke Würzburg und das lockere, gelebte. Mir hat das gefallen.

Später habe ich in einem kleinen Gasthof gegessen, am Rande der Altstadt. Bratkartoffeln, fränkisches Bier, salziges Besteck. Der Wirt hat wenig gesagt, nur genickt, als ich bezahlt habe. Ich bin dann noch ein Stück gegangen, bis zur Mainpromenade, wo das Licht auf dem Wasser funkelt. Ein paar Schwäne trieben vorbei, Leute saßen auf der Mauer, lachten, teilten Flaschen. Alles wirkte vertraut, obwohl ich niemanden kannte.

Ich habe mir angewöhnt, in neuen Städten Supermärkte zu besuchen. Das sagt oft mehr über den Alltag als jedes Museum. Auch hier: fränkische Weine, Brötchen vom Vortag zum halben Preis, alte Menschen, die freundlich grüßen. An der Kasse keine Hast. Ich habe eine Flasche Wasser gekauft und bin zurück über die Brücke gegangen. Der Himmel war inzwischen rosa, fast durchsichtig.

Im Studentenviertel, irgendwo hinter der Juliuspromenade, habe ich am Abend noch eine kleine Bar gefunden. Kein Schild draußen, kein lautes Licht. Drinnen ein paar Leute, Musik aus einem alten Lautsprecher. Ich habe mich mit einem Studenten über alles und nichts unterhalten. Architektur, Mieten, Weinfeste. Er hat mir erzählt, dass Würzburg für ihn nie richtig ruhig wird, dass immer etwas läuft, selbst an Sonntagen. Ich glaube, er hat recht.

Ich bin ein paar Tage geblieben, ohne Plan, ohne Ziel. Ich habe mich treiben lassen zwischen Kopfsteinpflaster, Treppen, Cafés. In der Neubaukirche war ein Orgelkonzert, ich bin einfach hineingegangen. Die Klänge haben mich überrascht, weil sie so hell waren. Ich bin geblieben, bis die letzten Töne verklangen. Draußen Nacht, still, nur das Summen der Straßenbahn.

In den Tagen danach habe ich gemerkt, dass Würzburg funktioniert, weil es sich nicht anstrengt. Es will nichts besonders sein, und genau das macht es angenehm. Die Wege sind kurz, die Menschen direkt, das Leben geerdet. Ich habe in der Sonne gesessen, beim Bäcker ein Stück Apfelstreuselkuchen gekauft, bar bezahlt. Ein Mann am Nebentisch hat eine Lokalzeitung gelesen, laut geschnaubt und sich dann wieder vertieft. Ich habe die Ruhe gemocht.

Ich bin irgendwann abgefahren, nicht aus Langeweile, sondern weil jeder Ort seine Zeit hat. Vom Zugfenster aus habe ich noch einmal die Festung gesehen. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich beobachtet hat, als wollte sie sagen: Komm einfach wieder, wenn du magst. Und ich glaube, das werde ich tun.

gray concrete bridge over river during daytime
brown concrete building