Harz und der Brocken
Ich hatte den Harz nie richtig auf dem Schirm. Auf der Karte sah er klein aus, fast beiläufig zwischen den Bundesländern eingeklemmt. Als ich ankam, roch es nach feuchtem Laub und Holzfeuer. Der Ort, an dem ich übernachtete, lag an einer stillen Straße mit Fachwerkhäusern, von denen einige krumm wirkten wie müde Menschen. Die Fensterrahmen blätterten, aber auf den Fensterbrettern standen noch Primeln. Ein Schild an der Tür: Zimmer frei.
Ich wollte auf den Brocken. Von unten sah er nicht besonders hoch aus. Die Einheimischen sprachen von ihm, als wäre er eine Person, über die man nicht zu viel sagt. Manche sagten einfach nur der Berg. Es gab Geschichten über Hexen, über Nächte voller Rauch, über Tanz und Feuer. Niemand erzählte sie wie ein Märchen. Mehr wie etwas, das vielleicht passiert ist, aber man weiß es nicht genau. Ich mochte diese Unsicherheit.
Am nächsten Morgen war der Himmel milchiggrau. Ich stand am Bahnhof von Wernigerode und wartete auf die Schmalspurbahn. Die Lokomotive kam mit einem Zischen, das durch den Nebel schnitt. Schwarzes Eisen, glänzend, als wäre sie gepflegt wie ein altes Musikinstrument. Ich roch Kohle, Öl, Rauch. Ein Geruch aus einer anderen Zeit. Ich stieg ein. Der Zug schaukelte, langsam, schwerfällig. Man konnte die Fenster herunterkurbeln. Ich hielt die Hand hinaus. Feuchte Luft. Der Wind brachte den Rauch herein. Die Landschaft wechselte: kleine Gärten, dann Wiesen, dann Wald. Dichte Fichten, still und dunkel.
Nach einer Weile verschwand die Sicht. Nebel. Die Menschen im Abteil wurden still. Jemand erzählte leise, dass der Brocken früher Sperrgebiet war. Auf dem Gipfel standen Antennen, Betonmauern, Überwachung. Ich versuchte, mir das vorzustellen. Jetzt sprach niemand mehr über Grenzen. Nur über Wanderrouten und Einkehrhütten. Manche fuhren mit der Bahn hinauf, andere hinunter. So schien es zumindest.
Als der Zug auf dem Brocken anhielt, öffnete ich die Tür. Kälte schlug mir entgegen. Der Schnee war stellenweise noch gefroren. Ich stapfte zur Aussichtsplattform. Sicht: wenige Meter. Ich sah nur den Wind, wenn das ein Sehen sein kann. Trotzdem war etwas da. Vielleicht dieses Gefühl, auf einem Punkt zu stehen, der voller Geschichten ist, auch wenn man nichts sieht.
Im Brockenhaus las ich über die Wetterstation, die Messungen, die langen Winter. Es gab Fotos von Frost, von Männern mit Eiszapfen an den Bärten. Sie schrieben Temperaturwerte mit Bleistift in Tabellen. Ich mochte die Schlichtheit darin. Kein Übermaß, keine Show. Nur Geduld. Später trank ich einen Kaffee aus einem grauen Becher. Schmeckte nach Metall. Ich wärmte meine Finger daran.
Beim Abstieg wählte ich den Goetheweg. Angeblich sei Goethe selbst hier entlanggegangen. Vielleicht stimmt das. Vielleicht ist es eine Geschichte, die Touristen mögen. Der Weg war schlammig und führte durch niedrige Büsche. Ein Pärchen vor mir rutschte aus, lachte laut. Ich blieb stehen und sah zurück: Der Zug fuhr wieder los, unterhalb des Nebels, dampfend, klein. Ich hätte noch eine Fahrt mit ihm machen können, aber ich wollte lieber laufen.
Später, als der Wald lichter wurde, hörte ich das erste Vogelgezwitscher seit Stunden. Ich nahm den Rucksack ab und setzte mich auf einen Baumstumpf. Zwei Wanderer kamen vorbei, fragten nach dem nächsten Gasthaus. Ich sagte, sie müssten einfach nur weiter folgen. Der Weg ist gut ausgeschildert. Das stimmt wirklich im Harz. Das Wegenetz ist zuverlässig, man kann sich kaum verlaufen, es sei denn, man will es.
Ich übernachtete in Schierke. Der Ort ist klein, fast zu aufgeräumt. Beim Abendessen in einem Gasthaus hörte ich, wie ein Mann am Nachbartisch erzählte, dass jedes Jahr in der Walpurgisnacht Frauen mit Besen und Hüten kommen, weil man es eben so macht. Er grinste, aber nicht spöttisch. Ich fragte die Wirtin danach. Sie sagte, das sei Tradition, aber auch Geschäft. Dann erzählte sie, dass alte Leute früher kleine Kreuze auf Türen zeichneten, damit Hexen draußen blieben. Ich wusste nicht, ob das ernst gemeint war. Aber es gefiel mir, dass sie es so sagte, als gehörte das einfach zum Ort wie der Rauch in den Tälern.
Am nächsten Tag war die Luft klar. Ich ging früh los, Richtung Elendstal. Auf dem Weg sammelte ich kleine Steine, einfach so. Ich wollte etwas Greifbares mitnehmen. Der Boden war noch kalt, an den Bächen lag Eis. Zwischen den Stämmen fielen Lichtflecken auf das Moos. Ich dachte darüber nach, wie der Harz aus so vielen Schichten besteht: Sagen, Geschichte, Bahnlinien, Waldwirtschaft. Alles dicht beieinander, aber nichts stört das andere.
Wenn du dorthin fährst, nimm dir gute Wanderschuhe mit. Selbst die kurzen Wege sind steiniger, als sie auf der Karte aussehen. Plane genug Zeit für Pausen ein. Der Harz ist nicht steil, aber er verlangt Aufmerksamkeit. Nimm Regenschutz mit, auch wenn es morgens hell ist. Das Wetter dreht schnell. Die Schmalspurbahn solltest du fahren, auch wenn du lieber wanderst. Es ist kein touristischer Trick. Es ist eine Bewegung, die man sonst nicht mehr erlebt: langsam, rhythmisch, ohne Ziel außer dem Fahren selbst.
Ich habe auf dieser Reise nichts Magisches gesehen. Keine Hexen, keine Zeichen im Nebel. Aber es gibt Orte, an denen Geschichten nicht alt wirken. Der Brocken gehört dazu. Vielleicht, weil sie sich an die Landschaft halten und nicht an die Menschen.

