Der Schönbuch

Ich habe den Schönbuch nicht gesucht. Er war einfach da, als ich losging. Zwischen zwei Terminen, irgendwo zwischen Tübingen und Herrenberg, habe ich den Wagen geparkt und bin auf einem dieser schmalen Wege verschwunden, die aussehen, als würden sie sich selbst nicht mehr genau erinnern, wohin sie führen.

Der Wald war dicht und still, aber nicht leer. Ich habe zuerst den Geruch wahrgenommen. Feucht, erdig, ein bisschen harzig. Dann kam ein leises Rascheln von irgendwo hinten, wo der Hang steil wurde. Rehe vielleicht, dachte ich. Oder ein Radfahrer, der zu früh in den Feierabend wollte.

Die Wege im Schönbuch verlaufen selten gerade. Sie biegen ab, verlieren sich, tauchen wieder auf. Ich habe mich einmal verlaufen, ohne es zu merken. Nur die Sonne stand plötzlich an einer anderen Stelle, und ich wusste, dass ich umkehren musste. Eigentlich war das angenehm. Kein Plan, keine Route, kein Ziel.

Ich habe später gelernt, dass der Schönbuch das erste Naturparkgebiet Baden-Württembergs ist. Über 150 Quadratkilometer sagen die Infotafeln. Als ich das gelesen habe, kam es mir fast zu groß vor. Auf diesen Wegen spürt man keinen Maßstab. Wenn du dort stehst, zwischen zwei alten Buchen, verliert selbst das Wort „Schutzgebiet“ sein Gewicht.

An einem Nachmittag bin ich vom Bebenhäuser Kloster aus gestartet. Die Mauern dort tragen eine gedämpfte Ruhe. Ich habe mir vorgestellt, wie Mönche denselben Weg gegangen sind, vor Jahrhunderten, vielleicht mit denselben Gedanken. Es ist nur ein kurzer Weg in den Wald hinein, aber die Geräusche verschwinden sofort. Ab da hört man nur noch Holz auf Holz, wenn ein Ast im Wind anschlägt.

Ich habe mich gefragt, warum der Schönbuch nicht bekannter ist. Vielleicht, weil er nichts verspricht. Kein spektakulärer Gipfel, kein See mit Souvenirläden. Nur Wald, sanfte Hügel, ein paar Lichtungen mit Blicken in die Weite. Wenn man Glück hat, sieht man Rotwild. Einmal stand eins da, zwischen Farn und Morgendunst. Ich habe das Foto gelöscht. Es sah zu sehr nach Kalender aus.

Im Herbst öffnen sich die Kastanienschalen wie kleine Hände. Kinder sammeln sie in Eimern, manche bringen sie zu den Wildgehegen im Waldhaus Einsiedel. Ich habe dort einmal einen Mann mit Fahrradanhänger gesehen, der kiloweise Kastanien gebracht hat. Für die Rehe, hat er gesagt. Er kam jedes Jahr.

Wenn du im Sommer kommst, kannst du am Schönbuchrand Wein probieren, zum Beispiel bei Dettenhausen. Ich habe dort auf einer Bank gesessen, ein Glas in der Hand, und den Hang hinuntergeschaut. Es roch nach Wiesen, nach Reifen und Staub. Kein schöner Ausblick im klassischen Sinn, aber ehrlich.

Ich habe gemerkt, dass Wandern im Schönbuch einfacher wird, wenn man nichts erwartet. Manche Wege sind namenlos, nur auf der Karte als Spur zu ahnen. Ich nehme lieber einen von denen, laufe, bis ich irgendwo zufällig auf eine Forststraße stoße. Dort geht’s schneller zurück, und man merkt, wie oft man bergauf gegangen ist, ohne es zu merken.

An einem Sonntag bin ich früh aufgestanden, um die Wildpferde am Waldrand zu beobachten. Es war noch dunkel, und der Nebel lag schwer im Tal. Ich stand eine Stunde da, nichts bewegte sich. Dann plötzlich ein Schnauben, das man eher fühlt als hört. Zwei Tiere kamen aus der Dämmerung, groß, ruhig, misstrauisch. Ich habe sie nicht gestört.

Ich habe oft Menschen getroffen, die den Wald nicht zum Spazieren, sondern zum Arbeiten kennen. Forstarbeiter, Jäger, eine Studentin, die Pflanzen zählte und alles auf einem Klemmbrett notierte. Sie erzählte mir, dass im Schönbuch über 20 Baumarten wachsen, vor allem Buche, Eiche, Fichte. Aber was wirklich auffällt, sind die Zwischenräume: wo nichts steht, wo Licht hineinfällt.

Wenn ich längere Strecken gehe, nehme ich manchmal mein Rad mit. Die asphaltierten Abschnitte sind angenehm gleichmäßig, aber nach zwei Stunden wird die Stille fast laut. Dann fahre ich nach Waldenbuch hinunter, trinke Kaffee im Museum Ritter, das ganz dem Quadrat gewidmet ist, und schaue durch die Glasfassade auf den Waldrand. Es ist ein merkwürdiger Kontrast – strenge Formen, drinnen alles hell, draußen dieser offene, endlose Raum.

Ich habe einmal im Schönbuchrangerhaus übernachtet. Kein Komfort, aber ein Bett, ein Fenster, Stille. Nachts hörte ich den Wind durch die Bäume gehen, nicht sanft, eher wie Wasser, das durch einen zu engen Kanal drückt. Ich lag wach und dachte, dass menschliche Ruhe immer nur geliehen ist.

Das war im Januar, und am Morgen lagen Eiskristalle auf jedem Ast. Ich habe eine Stunde gebraucht, um drei Kilometer zu laufen, weil ich alle paar Meter stehen blieb. Kein Gedanke hatte Platz zwischen diesen Formen. Nur Kälte, Licht, Atem.

Ich habe später irgendwo gelesen, dass der Schönbuch ein Rückzugsort für viele Tiere ist, die anderswo keinen Platz mehr finden. Das fügt sich. Man spürt diese Geduld im Raum. Keine Dringlichkeit, kein Lärm, kein Müssen.

Wenn du den Schönbuch besuchen willst, plane nicht zu genau. Fahr nach Bebenhausen, Dettenhausen oder Waldenbuch, such dir einen Parkplatz ohne viele Autos, geh einfach los. Nimm Wasser mit, etwas zu essen, und halt an, bevor du denkst, du müsstest weiter.

Ich habe irgendwann verstanden, dass man dort nichts festhalten kann. Kein Foto, kein Satz, kein Geruch bleibt. Nur dieses leise Wissen, dass man einmal mittendrin war.

a bus driving down a road surrounded by trees