Ring of Beara
Ich habe lange gezögert, die Halbinsel überhaupt zu befahren. Auf der Karte wirkte sie wie eine Nebenlinie, ein Umweg. Kein Name, der sich in Gesprächen aufdrängte, kein Ziel, über das Reiseführer endlos schreiben. Als ich schließlich losfuhr, hatte ich keinen genauen Plan. Nur die Ahnung, dass dort etwas ruhiger sein könnte als auf den bekannteren Routen.
Die Straße war schmal, manchmal kaum breiter als ein Fahrradweg. Ich habe oft angehalten, einfach weil mir die Kurven zu eng wurden oder der Blick zu weit reichte, um einfach weiterzufahren. Die Schafe standen mitten auf der Fahrbahn, unbeirrt von allem, was sich näherte. Ich habe gelernt, langsamer zu werden, nicht aus Geduld, sondern aus Notwendigkeit.
In Ardgroom habe ich zum ersten Mal etwas gegessen, das nicht aus der Tankstelle kam. Das kleine Café am Ortsrand, eine Frau hinter der Theke, die mich fragte, ob ich die Küste entlang wolle oder über die Berge. Ich habe mich für die Berge entschieden, obwohl sie mich einschüchterten. Später, auf der Strecke zum Healy Pass, fühlte ich mich kurz verloren. Der Wind kam so stark von der Seite, dass ich die Kamera nicht stillhalten konnte. Der Blick war unerwartet. Kein Postkartenmoment, eher ein raues, fast unfreundliches Bild – Steine, Wasser, Nebel. Ich habe den Motor abgeschaltet und einfach dagestanden.
Was mich überrascht hat, war, wie leer alles war. Keine Busse, kaum Wohnmobile. Nur vereinzelt Radfahrer, meistens allein. Einer hatte eine kleine Fahne am Gepäckträger, durchnässt, aber grinsend. Ich habe kurz gedacht, dass das hier wohl der richtige Ort ist, wenn man nichts beweisen will. Der Ring of Beara gibt dir keine Bühne. Man fährt, und irgendwann vergisst man, wohin.
Die Straßen hinunter nach Adrigole führen durch grüne Täler, in denen die Bauernhöfe verstreut liegen wie zufällige Entscheidungen. Ich habe in einem Gästehaus übernachtet, das nach Holzrauch roch. Der Besitzer erzählte, dass er früher in Cork gearbeitet hat, bis es ihm zu laut wurde. Er zeigte mir am Abend den Himmel, den man von dort aus klar sehen konnte. Kein Licht, kein Geräusch außer Wind. Ich habe versucht, mir das zu merken, aber am Morgen war davon nur noch das Gefühl übrig, etwas sehr Einfaches gesehen zu haben.
In Castletownbere habe ich mir Zeit genommen. Der Hafen war still, aber nicht verlassen. Fischer sortierten Netze, Möwen stritten sich um etwas Unsichtbares. Ich habe lange zugesehen, wie ein graues Boot ablegte, ohne Ziel zu nennen. Im kleinen Supermarkt fragte ich nach Brot, und die Verkäuferin winkte ab, als wäre das eine überflüssige Frage. Sie wusste genau, wer ich war: ein Fremder, der zu viel schaut. Trotzdem lächelte sie, als ich ging.
Die Strecke Richtung Allihies ist kurvig und voller steiler Anstiege. Ich habe den Wagen an einem Aussichtspunkt stehen lassen und bin zu Fuß weiter. Der Wind zerrte an der Jacke, und irgendwann lag die Bucht unter mir wie ein Spiegel, zu glatt, um echt zu wirken. In Allihies selbst kam ich in den alten Minen vorbei, schweigend, rostig, offen für jeden. Schilder erklärten, was hier gefördert wurde, aber ich habe wenig gelesen. Ich habe nur gespürt, wie leer dieser Ort war, ohne Bitterkeit, schlicht leer.
Am Abend suchte ich Unterkunft und fand ein kleines B&B am Ortsausgang. Ein Hund wartete vor der Tür, als wüsste er, dass ich bleiben würde. Die Gastgeberin war leise, stellte Tee hin und verschwand wieder. Ich habe am Fenster gesessen, den Kessel auf dem Tisch, und lange dem Geräusch des Windes zugehört. Da war nichts Heldenhaftes daran, eher etwas Stilles, das sich nicht festhalten ließ.
Am nächsten Morgen war alles in Nebel gehüllt. Ich wollte los, aber der Nebel war dichter, als ich dachte. Also blieb ich. Ich lief die Straße hoch, vorbei an verrosteten Zäunen und einem alten Traktor, der fest im Gras stand. Der Hund tauchte wieder auf, lief ein Stück neben mir und blieb stehen, als ich umkehrte. Ich habe keine Fotos gemacht. Es schien sinnlos, etwas einzufangen, das sich ständig verändert.
Später, auf dem Rückweg, fiel mir auf, dass der Ring of Beara keinen Mittelpunkt hat. Kein Aussichtspunkt, der alles zusammenfasst. Kein Ort, an dem man sagen würde, hier war das Ziel. Alles bleibt verstreut, ungeregelt, offen. Ich habe mich erst geärgert, weil ich dachte, ich hätte etwas verpasst. Dann merkte ich, dass genau das der Punkt war.
Ich habe einige praktische Dinge gelernt, ohne sie vorhatten zu lernen. Dass man hier keinen Zeitplan braucht, sondern Benzin. Dass die besten Gespräche abends in den Pubs der kleinsten Orte entstehen, wenn man nicht versucht, eines zu führen. In Eyeries, zum Beispiel, sitzt man zwischen Häusern in Pastellfarben, die stiller sind, als ihre Farben versprechen. Ich habe dort einen älteren Mann getroffen, der mir ein Guinness spendierte und nichts sagte, bis ich ging. Danach lächelte er und hob das Glas. Kein Urteil, kein Interesse, nur dieses leise Anerkennen, dass wir beide gerade hier waren.
Was ich dir sagen kann: Wenn du die Halbinsel fährst, nimm sie langsam. Nicht aus Romantik, sondern weil sie dich sonst ausspuckt, bevor du sie gesehen hast. Iss, wo jemand kocht, nicht wo Schilder locken. Bleib, wenn der Nebel kommt, und fahr, wenn du dich unruhig fühlst. Vertraue der Karte nicht zu sehr; sie irrt sich ständig. Und nimm dir einen Tag ohne Ziel. Nicht, weil das frei macht, sondern weil sich hier die Dinge nur zeigen, wenn du nichts suchst.
Ich habe den Ring später auf der Karte nachgezeichnet, als wollte ich sehen, was ich eigentlich gesehen habe. Die Linie war brüchig, weil ich Umwege gemacht hatte, kleine Wege zu Stränden, auf denen kein anderer war. Ich habe nichts gefunden, das ich unbedingt benennen müsste. Vielleicht genau deshalb denke ich immer noch daran.
