Uckermark

Ich bin das erste Mal in die Uckermark gefahren weil mir jemand erzählt hat dort gäbe es mehr Wasser als Menschen. Ich habe das nicht ganz geglaubt. Doch als ich aus dem Zug in Templin ausgestiegen bin und der Wind über den Platz strich habe ich sofort gemerkt was gemeint war. Kein Gedränge. Kein Lärm. Nur der See in der Nähe und der Geruch von feuchtem Gras. Du kommst an und spürst gleich wie der Alltag leiser wird. Ich habe mir ein Fahrrad geliehen und bin losgeradelt ohne genauen Plan. Das hat sich als die beste Entscheidung herausgestellt.

Der Oberuckersee liegt direkt vor der Tür. Fünf Kilometer lang und breit genug dass du das andere Ufer nur als grünen Streifen siehst. Ich bin die Uferstraße entlanggefahren und habe an einer kleinen Badestelle angehalten. Das Wasser war klar und kühl. Ich habe die Schuhe ausgezogen und bin reingegangen. Kein Mensch weit und breit. Nur ein paar Enten die sich nicht stören ließen. Später habe ich erfahren dass es hier über vierhundert Seen gibt. Viele davon verbunden durch schmale Kanäle. Du kannst stundenlang paddeln ohne dass dir jemand entgegenkommt. Ich habe das einmal ausprobiert. Ein Kanu gemietet in Boitzenburg und bin über den Küchenteich zum Schumellensee gefahren. Sieben Kilometer später saß ich am Hardenbecker Haussee und habe Brot gegessen das ich in Templin gekauft hatte. Der Verleih dort gibt dir eine einfache Karte mit. Du brauchst keine App. Nur Augen und ein bisschen Zeit.

Ich habe mich gefragt warum so wenige Leute hierherkommen. Die Region liegt nur eine gute Stunde nördlich von Berlin. Mit dem Regionalzug bist du schnell da. Oder du nimmst den UckermarkShuttle an Wochenenden. Der Bus fährt eine Rundtour durch Templin Prenzlau Angermünde und Schwedt. Du kannst ein- und aussteigen wann du willst. Fahrrad mitnehmen geht auch oft. Ich habe das gemacht und bin in Prenzlau ausgestiegen. Die Altstadt hat eine Backsteinkirche die größer wirkt als das ganze Dorf drumherum. St. Marien heißt sie. Ich bin reingegangen und habe mich auf eine Bank gesetzt. Die Stille dort hat etwas mit mir gemacht. Keine Touristengruppen. Nur ich und das Licht das durch die hohen Fenster fiel. Danach bin ich zum Markt gegangen und habe Äpfel gekauft. Es gibt hier über hundert Sorten die entlang der Wege wachsen. Niemand pflückt sie alle. Du kannst einfach eine Handvoll mitnehmen und sie schmecken nach mehr als nur Obst.

Weiter nördlich liegt der Nationalpark Unteres Odertal. Ich bin mit dem Rad hingefahren und habe am Besucherzentrum in Criewen angefangen. Dort gibt es geführte Touren zu Fuß oder mit dem Kanu. Ich habe eine Kanutour mitgemacht. Der Guide hat uns durch die Altarme der Oder geführt. Wir haben Biberburgen gesehen. Echte. Die Tiere haben ganze Stauseen gebaut. Ich habe das Wasser plätschern gehört und die Vögel. Über dreißig Brutpaare Fischadler leben hier. Das ist eine der höchsten Dichten in Europa. Du siehst sie kreisen wenn du still sitzt. Ich habe mein Rad später am Ufer abgestellt und bin einen der markierten Wege gegangen. Der Pfad führt durch Auenwiesen die im Sommer hoch stehen. Du brauchst feste Schuhe weil es matschig werden kann. Aber es lohnt sich. Die Landschaft wechselt ständig. Mal Wald mal Wiese mal offenes Wasser. Ich habe unterwegs eine Pause gemacht und eine Flasche Wasser getrunken die ich im Ort gekauft hatte. Kein Kiosk in Sicht. Das gehört dazu.

Im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin habe ich den Grumsiner Buchenwald besucht. Startpunkt ist Altkünkendorf. Ein winziges Dorf mit einer Handvoll Häusern. Von dort führt ein Weg direkt in den Wald. Die Buchen sind alt und hoch. Der Boden federt unter den Schritten. Ich bin eine Stunde gelaufen ohne jemandem zu begegnen. Dann habe ich einen umgestürzten Stamm gefunden und mich hingesetzt. Die UNESCO hat den Wald zum Weltnaturerbe erklärt. Ich verstehe warum. Es fühlt sich an als wäre die Zeit hier stehen geblieben. Du kannst den Weg mit einer Karte aus dem Infocenter planen. Die Karten sind kostenlos und genau. Ich habe eine mitgenommen und bin nicht verloren gegangen. Auf dem Rückweg bin ich durch ein Dorf gefahren wo ein Hof frische Eier verkauft. Ich habe welche mitgenommen. Am Abend habe ich sie in der Ferienwohnung gekocht die ich in der Nähe gemietet hatte. Einfache Unterkünfte gibt es genug. Viele in alten Bauernhäusern. Du buchst direkt und sparst dir die Vermittlungsgebühren.

Der Naturpark Uckermärkische Seen umfasst achthundert Quadratkilometer. Die Hälfte davon ist Wald. Ich habe eine Radtour um die Uckerseen gemacht. Start in Templin. Die Strecke ist gut ausgeschildert und führt durch Felder und kleine Orte. In Annenwalde habe ich angehalten. Das Dorf sieht aus wie aus einer anderen Zeit. Fachwerkhäuser und eine alte Mühle. Ich habe einen Kaffee in einem kleinen Café getrunken das von Einheimischen betrieben wird. Die Frau hinter dem Tresen hat mir erzählt wo der nächste Badespot liegt. Ich bin hingefahren und habe das Wasser nochmal genossen. Die Seen sind unterschiedlich. Manche flach und warm andere tief und klar. Du lernst schnell welcher zu dir passt. Ich mag die ruhigen. Die wo du allein schwimmen kannst.

Praktisch gesehen brauchst du nicht viel. Ein gutes Fahrrad oder feste Schuhe. Eine Regenjacke weil das Wetter hier schnell umschlägt. Und etwas zu essen für unterwegs. In den Dörfern gibt es kleine Läden aber nicht überall. Ich habe mir angewöhnt morgens Brot und Käse einzupacken. Das reicht für den Tag. Wenn du mit dem Auto kommst parkst du am besten in den Orten und fährst dann mit dem Rad weiter. Die Straßen sind schmal und wenig befahren. Du hörst den Wind in den Bäumen und das Knirschen der Reifen auf dem Schotter. Manchmal fährt ein Traktor vorbei und der Fahrer grüßt. Das ist hier normal.

Ich bin einmal frühmorgens aufgestanden und zum Oberuckersee gefahren. Die Sonne ging gerade auf. Das Wasser lag still da. Ich habe mich hingesetzt und zugeschaut. Kein Foto gemacht. Einfach nur da gewesen. Später bin ich weitergeradelt nach Boitzenburg. Dort steht das Schloss und der Marstall. Du kannst dort Führungen machen oder einfach durch den Park laufen. Ich habe den Park genommen. Die Bäume sind alt und die Wege gepflegt. Am Rand gibt es einen Wildpark wo du Rehe und Wildschweine aus der Nähe siehst. Keine großen Gehege. Nur ein Zaun der die Tiere schützt. Ich habe dort eine Weile gestanden und beobachtet wie ein Rehkitz durchs Gras sprang. So etwas bleibt hängen.

Die Uckermark gibt dir Raum. Du kannst stundenlang unterwegs sein und doch nie weit von einem See entfernt. Du kannst wandern radeln paddeln oder einfach nur sitzen. Ich habe das alles gemacht und jedes Mal etwas anderes entdeckt. Den Geruch nach Kiefern nach dem Regen. Das Geräusch von Wellen die ans Ufer schlagen. Die Art wie die Einheimischen dir zunicken wenn du vorbeikommst. Es ist nichts Besonderes und doch genau das was ich gesucht habe. Du kommst her und merkst dass du nicht viel brauchst um zufrieden zu sein. Ein Fahrrad ein paar Stunden Zeit und die Gewissheit dass der nächste See nicht weit ist. Ich habe das Gefühl mitgenommen als ich wieder nach Hause fuhr. Und ich weiß schon jetzt dass ich wiederkomme. Nicht weil es irgendwo steht. Sondern weil es sich richtig anfühlt.