In Ulm, um Ulm, und um Ulm herum…
Ich bin in Ulm angekommen, ohne viel zu erwarten. Der Zug fuhr noch über die Donau, und kurz bevor die Brücke endete, hatte ich das Gefühl, in eine andere Art Stadt zu kommen. Ich hatte Ulm nie auf einer Wunschliste. Trotzdem bin ich ausgestiegen.
Ich ging vom Bahnhof in Richtung Zentrum. Es war früher Nachmittag, der Wind kam kühl aus Osten. Am Münsterplatz stand ein Mann mit einem Plastikeimer voll Seifenblasen. Kinder liefen schreiend hindurch. Ich habe das eine Weile beobachtet. Nicht weil es besonders war, sondern weil ich mir selbst Zeit geben wollte, mich irgendwo festzusehen. Das Münster ragte auf. Von unten fast zu hoch, um schön zu sein. Aber genau das hat mir gefallen.
Ich bin die vielen Treppen hoch. Der Aufstieg war eng, und nur alle paar Meter kam jemand entgegen, keuchend, beide Hände am Geländer. Ich habe mich gefragt, ob man den Turm mit seiner Müdigkeit misst oder mit der Aussicht. Oben war es windig und die Stadt kleinteilig, fast verspielt. Ich konnte Neu-Ulm sehen, die Donau, und irgendwo dahinter Felder. Ich stand eine Weile und hatte das Gefühl, dass alles genau richtig weit weg ist.
Ich habe gemerkt, dass Ulm vieles gleichzeitig ist. Eine alte Stadt, in der man ständig über neue Ideen stolpert. An der Universitätslinie ist mir das besonders aufgefallen. Junge Gesichter, Fahrräder mit Anhängern, Gesprächsfetzen über Projekte, und überall diese nüchternen Bauten, die keine Geschichte erzählen wollen. Ich mochte das. Es wirkt nicht eindrucksvoll, aber ehrlich.
In der Altstadt trifft man wieder alles Alte. Schmale Fachwerkhäuser, schiefe Balken, Fenster mit Spitzenvorhängen. Am Fischerviertel läuft das Wasser langsam vorbei, Touristen machen Fotos, aber ich habe mich auf eine schmale Mauer gesetzt und einfach nur zugesehen. Ich habe den Geruch von feuchtem Stein in der Nase gehabt, ein bisschen Algen, ein bisschen Holz. Es war ruhig, obwohl viele Menschen da waren. Ulm scheint das zu können: Laut sein, ohne zu stören.
Ich habe mir am Abend etwas zu essen in einem kleinen Lokal in der Sterngasse geholt, Spätzle mit Linsen. Das war besser, als ich erwartet hatte. Kein Versuch, modern zu sein. Einfach ordentlich gekocht. Am Nebentisch saßen zwei ältere Männer, beide schwäbisch sprechend, beide mit Maßkrügen. Sie redeten über ein altes Schulhaus, das wohl abgerissen werden soll. Ich verstand nur die Hälfte, aber die Stimmung war klar: Man verabschiedet sich hier nicht leicht von Gewohntem.
Am nächsten Morgen wollte ich eigentlich weiterfahren. Ich bin aber geblieben. Ich hatte das Gefühl, dass Ulm mehr versteckt, als man beim ersten Gehen sieht. Ich bin Richtung Donau gelaufen, über die Brücke nach Neu-Ulm. Der Übergang ist unscheinbar. Niemand kündigt an, dass man jetzt in einem anderen Bundesland ist. Ich habe das symbolisch gefunden. Städte an Flüssen wissen oft, dass Grenzen fließend sind.
Später zog ich wieder durch die Gassen unterhalb des Münsters. Viele kleine Geschäfte, kaum Ketten, einige leerstehende Schaufenster. Ich habe mit einer Buchhändlerin gesprochen, die mir erklärte, dass viele Touristen im Sommer kommen, aber eher auf Durchreise. Ulm sei selten Ziel, öfter Zwischenstopp. Sie sagte das ohne Bitterkeit. Vielleicht ist das genau der Reiz: Ulm drängt sich nicht auf.
Ich bin am Nachmittag ins Museum gegangen. Dort hängt Kunst aus mehreren Jahrhunderten, aber mich hat das moderne Erdgeschoss am meisten interessiert. Da war eine Installation mit Draht und Licht, sie wirkte wie ein unfertiges Netz. Ich habe mich darin wiedererkannt, dieses Gefühl, dass etwas im Entstehen ist, aber noch nicht weiß, wohin.
Am Abend kam Nebel auf. Die Straßenlaternen spiegelten sich auf dem nassen Pflaster, und das Münster wurde zu einer Silhouette. Ich habe eine Weile an der Donau gestanden und den Verkehr auf der Brücke gehört. Kein Stadtlärm, eher ein gleichmäßiges Atmen. Ich hatte das Gefühl, die Stadt spricht leise, aber stetig.
Für Besucher, die länger bleiben wollen, lohnt es sich, ein Rad zu mieten. Die Wege entlang der Donau sind flach und angenehm. Zwischen Ulm und Thalfingen liegen kleine Auen, Rastplätze mit Holzliegen, und wenn man weiterfährt, kommt man an kleine Dörfer mit ausgeschilderten Hofläden. Ich habe dort Käse gekauft, verpackt in Papier, und später am Fluss gegessen. Das war einer dieser Momente, die keine großen Worte brauchen.
Ich habe auch das Rathaus besucht, weniger wegen der alten Malereien, mehr wegen der Uhr mit dem feinen Mechanismus. Ich stand davor und sah zu, wie sich die kleinen Zeiger bewegen, fast unmerklich. Ich mochte diesen Gedanken, dass hier Zeit sichtbar bleibt, während vieles um einen herum versucht, sie zu verdecken.
In einem Café am Weinhof habe ich jemanden kennengelernt, der mir erzählte, dass viele in Ulm bleiben, obwohl sie könnten. Er meinte, es gebe hier genug, um ruhig zu leben, und genug Abstand, um frei zu denken. Ich habe nicht geantwortet, aber ich wusste, was er meinte. Ulm wirkt nicht wie eine Stadt, die dich festhält, sondern eher wie eine, die dich in Ruhe lässt.
Ich habe aufgeschrieben, was mir hilfreich erschien.
Ein paar praktische Dinge:
Züge kommen regelmäßig und pünktlich. Der Bahnhof ist zu Fuß nah am Zentrum. Das Parken kostet viel, also lohnt es sich, ohne Auto zu kommen. Unterkünfte findet man genug, am besten nicht direkt am Münsterplatz, weil die Glocken früh und laut läuten. Für Essen empfehle ich einfache Lokale in den Nebenstraßen, dort wird noch selbst gekocht. Wer alte Handwerkskunst mag, sollte das Schuhmacher- oder Bäckerhandwerk-Museum besuchen. Beides klein, aber sorgfältig geführt.
Klar – ich kann den bestehenden Ulm-Text so erweitern, dass auch die Umgebung vorkommt: Orte wie Blaubeuren, die Schwäbische Alb, die Donauauen, vielleicht sogar Roggenburg oder Wiblingen mit seinem Kloster. Ich halte denselben Stil bei: beobachtend, unaufgeregt, persönlich.
Ich bin noch geblieben, um mehr von der Umgebung zu sehen. Ulm endet nicht an der Stadtgrenze. Von hier führen Wege hinaus, die sich langsam verlieren, wie Linien, die jemand mit Bleistift gezogen hat und dann verwischt.
Ich bin mit dem Zug nach Blaubeuren gefahren. Eine kurze Strecke nur. Die Stadt liegt still im Tal, eingerahmt von Felsen. Ich ging den Weg bis zur Blautopfquelle. Das Wasser ist so blau, dass man fast misstrauisch wird. Ich stand davor und habe versucht, die Tiefe zu sehen, aber sie entzieht sich. Ich habe erfahren, dass hier eine der größten Wasserhöhlen beginnt, kilometerlang und kaum erforscht. Ich mochte den Gedanken, dass da unter mir Räume liegen, in denen niemand war. Im Museum gleich nebenan habe ich mir den Abguss der Venus vom Hohle Fels angesehen. Klein, unscheinbar, und trotzdem trägt sie alles Menschliche in sich.
Später bin ich zu Fuß ein Stück die Alb hoch. Die Wege sind steinig, aber gut markiert. Ich hatte keinen Plan, nur Zeit. Von oben sah man das Tal, durchzogen von Nebelstreifen, und ich fühlte mich kurz losgelöst. Ulm war weit genug weg, um still zu werden.
Ein anderes Mal bin ich nach Wiblingen gefahren. Das Kloster steht etwas außerhalb, ruhig, mit schweren Mauern und einer Bibliothek, die unerwartet hell wirkt. Ich war fast allein darin. Der Raum ist geordnet und übertrieben schön, aber nicht prahlerisch. Ich habe an den Innenwänden die Figuren gesehen, vergoldet, sorgfältig restauriert. Es roch nach Holz und Staub. Draußen weideten Schafe am Rand des Geländes. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt, und für einen Moment war nichts weiter zu tun, als zuzusehen.
Roggenburg liegt etwas weiter. Dorthin bin ich an einem Sonntag gefahren, ohne genau zu wissen, was mich erwartet. Wieder ein Kloster, diesmal mit offener Klosterökonomie, Café, Garten, Kunstpfad. Es war still, nur ein paar Familien waren unterwegs. Ich habe mir dort etwas zu essen bestellt, einfache Suppe, Brot. Dann bin ich durch die Felder gegangen. Das Licht war weich, und der Wind kam warm von Westen. Ich hatte keinen Plan, aber die Ruhe war genug.
Ich habe auch Himmelreich besucht, ein unscheinbarer Punkt irgendwo zwischen Ulm und dem Albtrauf. Von dort führen Wanderwege über die Hügel bis Berghülen. Die Dörfer haben oft einen kleinen Dorfladen, meist mit regionalen Produkten. Ich habe dort Butter gekauft, von einer Frau, die sagte, sie macht das seit ihrer Kindheit. Es klang selbstverständlich.
Was mir besonders gefallen hat: Alles liegt nah beieinander. Man kann an einem Tag in der Stadt Kaffee trinken, am Nachmittag in Blaubeuren den Quelltopf sehen, und abends wieder in Ulm zurück sein. Keine großen Strecken, keine Eile.
Ein Freund aus Ulm hat mir erzählt, dass viele hier erst spät anfangen, die Alb wirklich zu erkunden. Sie liegt vor der Tür und bleibt doch ein leises Gebirge, unaufgeregt, zuverlässig. Ich bin ein Stück in die Höhlenlandschaft bei Schelklingen gefahren, Tropfsteine, kühle Luft, kaum Besucher. Die Führerin sprach ruhig, fast flüsternd. Ich habe selten eine Landschaft erlebt, die so unaufdringlich schön ist.
Wenn du in Ulm bist und Zeit hast, nimm ein Fahrrad und fahr donauaufwärts, Richtung Erbach. Der Weg führt an Feldern entlang, flach, manchmal riecht es nach frisch gemähtem Gras. In Erbach steht ein kleines Schloss, nur ein paar Räume geöffnet, aber liebevoll gepflegt. Ich habe dort auf der Wiese gesessen, das Wasser glitzerte, und ich dachte, dass Reisen manchmal nichts anderes braucht als ein stilles Ziel ohne Erwartungen.
Ich habe dann noch einen Morgen in Thalfingen verbracht, einem Nachbarort mit kleinen Gassen, Gärten, und dem Blick zurück nach Ulm. Von dort sieht man den Münsterturm über die Stadt hinauswachsen, wie eine Erinnerung daran, woher man kam. Ich habe mich gefragt, warum solche Orte oft übersehen werden. Vielleicht, weil sie nichts anbieten, außer Ruhe.
Die Umgebung von Ulm hat keine großen Namen, aber sie trägt etwas Verlässliches. Kleine Wege, klare Luft, einfache Landschaft. Ich bin oft ohne Karte losgelaufen und kam immer irgendwo an. Das hat mir gefallen.
Als ich schließlich wieder im Zug saß, zurück Richtung Westen, dachte ich daran, dass Ulm und sein Umland sich nicht zeigen, sie lassen sich entdecken. In kleinen Schritten, ohne Plan, mit offenem Blick. Alles andere wäre zu viel.


