Usedom

Usedom ist ein schmaler Streifen am Rand der Ostsee, halb Deutschland, halb Polen. Ich hatte kaum Erwartungen, nur den Wunsch, ein paar Tage am Wasser zu verbringen, irgendwo, wo der Wind mehr bestimmt als der Mensch.

Ich kam mit dem Zug. Die Verbindung war zäh, mehrere Umstiege, keine Monotonie. Die letzten Kilometer rollten langsam, durch Felder, Wälder, dann plötzlich Meer. Ich habe mein Gepäck abgestellt und bin gegangen, einfach los, Richtung Strand. Der Sand dort ist hell, beinahe weiß. Er knirscht trocken, auch wenn die Luft feucht ist. Ich habe schnell verstanden, dass man hier nichts eilig tut.

Morgens riecht alles nach Salz und Teer. Die Fischerboote liegen dicht an der Mole. Manche sind leer, andere dampfen leicht, Motoren warm vom frühen Auslaufen. Ich habe einem Fischer beim Sortieren seiner Netze zugesehen. Er redete kaum, aber er grüßte jeden vorbeigehenden Spaziergänger. Ich fand das angenehm, dieses wortlose Wissen, dass man sich die Insel teilt, für eine Weile.

Ich bin von Bansin nach Heringsdorf gelaufen. Es dauerte länger als geplant, weil ich immer wieder stehen blieb. Die Promenade ist anders als gedacht – breit, ordentlich, ja, aber doch leise. Zwischen Rentnern, Radfahrern und Familien mit Kinderwagen habe ich keine Eile gespürt. Das Meer war ständig da, ein leichtes Rauschen, keine Dramatik. Ich habe beobachtet, wie sich das Licht verändert. Erst flach und silbrig, dann steil, mit scharfen Schatten.

Wenn du läufst, siehst du die alten Villen. Viele tragen Spuren, manche frisch renoviert, andere wartend. Es gibt Fassaden, die aussehen, als hielten sie noch immer den Atem an. Ich habe ein altes Hotel gesehen, geschlossen, Fenster vernagelt, davor ein Stuhl mit abgeblättertem Lack. Niemand hat sich die Mühe gemacht, ihn wegzuräumen. Ich mochte das Bild.

In Ahlbeck habe ich Kaffee getrunken, auf einer kleinen Terrasse, zu nah am Wind. Die Tasse war heiß, der Löffel vibrierte bei jeder Böe. Ich habe gemerkt, wie ruhig ich wurde. Vielleicht, weil sich hier nichts aufdrängt. Man kann einfach sitzen und nichts tun. Die Kellnerin stellte den Kaffee ab, nickte nur. Kein übertriebener Charme, kein Smalltalk. Man lässt sich gegenseitig in Ruhe.

Ein alter Mann erzählte mir im Vorbeigehen, dass er früher in Swinemünde gearbeitet hat. Heute fährt er nur noch manchmal rüber, zum Markt. Ich bin an dem Tag auch hinübergegangen. Kein Aufwand: Bus, Grenze, plötzlich Sprache, Tempo, Gerüche wechseln. Der Markt dort ist laut, voller Stimmen, Räucherfisch, billiger Kleidung, Werkzeug. Ich habe Obst gekauft, Äpfel und eine kleine Flasche Honig. Die Verkäuferin sprach Deutsch und Polnisch im gleichen Atemzug. Ich habe mich nicht fremd gefühlt, nur durchlässig.

Am Abend zurück, wieder Sonne im Rücken. Auf dem Rückweg ein Abstecher zum kleinen Hafen bei Koserow. Ich habe dort gegessen, gebratene Scholle, direkt vom Kutter. Kein großes Restaurant, eher ein Bretterstand mit drei Tischen. Ich saß da, der Himmel war orange, die Luft kühl. Zwei Kinder spielten mit Muscheln im Sand. Alles hatte eine einfache Ruhe.

Ich bin später mit dem Fahrrad durch das Achterland gefahren, Richtung Mellenthin. Die Straßen sind schmal, kaum Verkehr. Zwischen den Feldern schimmern Seen, breit wie Spiegel, ohne Bewegung. Ich habe an einem angehalten, kein Schild, kein Name. Ein Reiher stand da, unbewegt, als wäre er Teil der Landschaft. Diese Momente sind mir geblieben, weil sie so beiläufig waren.

In Mellenthin steht eine Burg, nicht spektakulär, aber solide. Ich bin durch den Hof gelaufen, das Kopfsteinpflaster uneben, der Boden nass vom letzten Regen. Im Café roch es nach Hefe und Öl. Ich habe dort Pfannkuchen gegessen, dick, mit Apfelmus. Hinter mir redeten zwei Frauen über die Buszeiten, über den Winter, über das Nichts-Tun. Ich fand das tröstlich. Hier wird nichts unnötig verpackt.

Ich habe gesehen, wie die Insel abends still wird. Zwischen acht und neun leert sich die Promenade. Die Luft wird schwerer, das Rauschen des Meeres gewinnt an Lautstärke. Ich saß oft einfach auf einer Bank. Kein Empfang, kein Licht außer dem fernen Leuchten der Schiffe. Das Meer verändert sich minütlich, je nachdem, wie du hinsiehst.

Wer länger bleibt, merkt, dass Usedom nicht nur Küste ist. Hinter den Dünen liegen Dörfer, die kaum jemand kennt. Schulen, Bushaltestellen, Schrebergärten. Menschen, die bleiben, wenn die Urlauber gehen. Eine Lehrerin erzählte mir, dass der Winter hier lang ist, aber sie bleibe, wegen der Luft. Ich habe das verstanden. Ich habe gespürt, dass man auf dieser Insel leichter atmet, auch wenn der Wind manchmal alles mitnimmt, was lose ist.

Ich habe auch Fehler gemacht. Ich habe unterschätzt, wie unregelmäßig die Busse fahren. Ich stand oft zu lange an Haltestellen. Ich hätte mir ein Fahrrad für mehrere Tage mieten sollen, nicht nur für einen Nachmittag. Ich habe auch zu spät verstanden, dass die schönen Orte keine Namen tragen. Sie liegen zwischen den Zeilen des Reiseführers, nicht in ihm.

Wenn du dort bist, nimm dir Zeit. Kauf im kleinen Laden ein, geh früh an den Strand, bevor der Wind auffrischt. Trink Kaffee irgendwo, wo man den Sand unter den Füßen fühlt. Sprich mit jemandem, der geblieben ist. Fahr einmal nach Swinemünde, nicht nur um einzukaufen. Und nimm dir einen Nachmittag für das Hinterland.

Ich habe Usedom nicht als Urlaubsort gesehen, eher als Gegend, die still arbeitet. Nichts schreit hier nach Aufmerksamkeit. Das Meer zieht sich zurück und kommt wieder, die Menschen auch. Ich glaube, das ist das Schönste daran.

brown wooden houses on brown sand during daytime
a large body of water with a boat in it and a sunset