Heidelberg
Ich war einige Tage in Heidelberg. Ich hatte keinen Plan. Nur den Wunsch, zu sehen, was ich sehen würde. Ich hatte von der Altstadt gehört, von der Brücke, vom Schloss, aber es war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich kam mit dem Zug an, stieg aus, und schon vor dem Bahnhof roch es nach Regen auf Stein. Ich bin stehen geblieben, nicht lange, vielleicht ein paar Sekunden. Ich habe gesehen, wie die Menschen sich bewegen, wie sie aussehen, als gehörten sie schon immer zu dieser Stadt. Ich nicht. Ich habe mich sofort als Gast gefühlt.
Ich habe mich Richtung Innenstadt treiben lassen. Die Straßenbahnen kamen leise, die Autos selten. Ich habe gemerkt, dass es hier keinen Druck gibt, sich zu beeilen. Selbst die Radfahrer wirkten ruhig, fast überlegt. Auf dem Weg in die Altstadt habe ich an einem kleinen Bäcker angehalten. Eine ältere Frau kaufte zwei Brezeln, sie sprach leise, fast verschwunden in den Geräuschen der Straße. Ich wollte das Gleiche. Es war warm, etwas salzig, und ich hatte den Eindruck, dass alles, was danach kam, weniger wichtig war als dieser Moment.
Die Hauptstraße zog sich wie ein Strom durch die Altstadt. Ich hatte den Eindruck, sie würde nie enden. Ein Laden nach dem anderen, viele davon leerer, als sie wirken. Ich habe Touristen gesehen, Kameras, Stimmen in vielen Sprachen. Ich habe mich gefragt, ob jemand, der hier lebt, überhaupt noch in diese Straße geht. Vielleicht nicht. Ich habe mich in eine Seitenstraße begeben, weg von all dem geordneten Trubel.
Dort war es still. Ein Innenhof, vielleicht vergessen. Ein Brunnen mit Moos, ein Fahrrad ohne Sattel. Ich habe den Kopf gehoben und das Schloss gesehen, weit oben über allem. Ich hatte gelesen, dass es halb Ruine, halb Museum ist. Ich bin nicht sofort hinaufgegangen, erst am nächsten Tag. Ich habe einen Umweg gemacht, durch die Gassen, an alten Mauern vorbei. Ein Mann hat Weinflaschen in einen Keller getragen, und der Geruch hat sich mit dem des feuchten Steins vermischt.
Der Aufstieg war anstrengend. Ich war allein. Ich habe die anderen Besucher nur in der Ferne gehört, das Rascheln von Jacken, Fotos, Stimmen. Oben hatte ich das Gefühl, dass die Stadt klein war. Alles wirkte klar, als wäre der Neckar eine Grenze zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Es war stiller als erwartet. Ich habe eine Zeit lang einfach geschaut. Ich konnte einzelne Dächer erkennen, und irgendwo in der Ferne fuhr ein Zug. Ich habe darüber nachgedacht, wie wenig man braucht, um sich zu erinnern. Nur ein Geruch, ein Blick, ein Ton.
Als ich wieder hinunterging, bin ich anders gelaufen. Es gibt viele Wege zurück. Ich habe mich für den entschieden, der durch den Wald führt. Es war kühl. Auf halber Strecke kam eine Bank, und jemand hatte dort eine Thermoskanne stehen lassen, halb voll. Ich habe sie nicht angerührt, aber ich habe mich gefragt, wer sie vergessen haben könnte. Solche zufälligen Reste erzählen manchmal mehr als jede Führung.
Später bin ich auf die Alte Brücke gegangen. Sie war voll, aber nicht unangenehm. Ich habe mich an das Geländer gelehnt und dem Wasser zugesehen. Es war stärker, als ich dachte, dunkler. Ich habe verstanden, warum die Stadt hier entstanden ist. Der Fluss trägt etwas, das bleibt, selbst wenn sich alles andere verändert. Eine Gruppe Studierender stand neben mir, hat gelacht, auf Englisch geredet, und ich habe dabei gemerkt, wie sehr diese Stadt jung wirkt, obwohl sie alt ist.
Ich habe im Café Gundel gesessen, in einem dieser engen Räume mit Holzstühlen und altem Licht. Ich habe den Kuchen bestellt, den ich nicht aussprechen konnte. Neben mir hat ein Mann leise gearbeitet, mit einem Notizbuch, keine Technik. Ich fand das beruhigend. Es passiert nicht oft, dass ein Ort so etwas zulässt, konzentrierte Ruhe mitten in der Bewegung. Ich habe mir vorgenommen, dort wieder hinzugehen. Nicht wegen des Kuchens. Wegen der Stimmung, die mich zusammenhielt.
Später am Abend habe ich auf der anderen Seite des Flusses gegessen, in Neuenheim. Ich habe keine großen Erwartungen gehabt, aber das Essen war schlicht und gut. Ich habe einen Platz draußen bekommen. Über mir hing eine Lichterkette, ganz altmodisch, und der Wind kam vom Wasser her. Ich habe mich ein bisschen so gefühlt, als würde ich hierbleiben könnten, ohne dass jemand danach fragt.
Am nächsten Morgen bin ich über die Brücke zurück, früh, bevor die Geschäfte aufmachten. Ich habe nur ein paar Menschen gesehen, eine Frau mit Hund, zwei Männer, die Pakete sortierten. Ich habe die Stille gehört. Kein Verkehr, kein Stimmengewirr, nur die Stadt, die langsam wach wurde. Ich habe das Gefühl gemocht, dass alles seinen eigenen Rhythmus hat, und dass man ihn nur dann spürt, wenn man selbst keinen vorgibt.
Ich habe mir vorgenommen, keine typischen Sehenswürdigkeiten mehr abzulaufen. Stattdessen bin ich in die Stadtbibliothek gegangen. Ich wusste nicht, dass sie so schön ist. Hell, ruhig, schlicht. Ich habe mich in eine Ecke gesetzt und Zeitung gelesen, später ein Buch über die Geschichte der Stadt. Ich habe dort eine interessante Zahl gefunden: über ein Drittel der Einwohner sind Studierende. Das erklärt vieles. Die Lebendigkeit, die Sprachen, das Nebeneinander von Ruhe und Bewegung. Ich habe darüber nachgedacht, wie selten Orte beides schaffen.
Ich habe am letzten Tag auf der Neckarwiese gesessen. Kein großes Ziel. Ich habe gesehen, wie Kinder Ball spielten, wie Studenten Musik hörten, wie eine ältere Frau eine Decke ausbreitete. Ich habe mir einen Kaffee geholt, mich ins Gras gesetzt, die Schuhe ausgezogen. Ich habe mich gefragt, ob es überhaupt wichtig ist, ob man reist oder bleibt. Vielleicht erlebt man Orte nur richtig, wenn man sie nicht kontrolliert.
Ich habe in Heidelberg nichts Neues gelernt, aber vieles verstanden. Ich habe gemerkt, dass es manchmal reicht, irgendwo zu sein, ohne Plan, ohne Ziel. Ich habe das Gefühl, dass diese Stadt das aushält.
