Naturpark Dahme-Heideseen
Als ich das erste Mal mit dem Zug aus Berlin rausfuhr und in Königs Wusterhausen ausstieg, um in den Naturpark Dahme-Heideseen weiterzukommen, habe ich mich gefragt, ob ich wirklich nur ein paar Stationen entfernt von der Stadt so viel Wasser und Wald finden würde. Du steigst aus, nimmst den Bus oder das Fahrrad und bist plötzlich mittendrin. Ich habe den Rucksack geschultert und bin losgelaufen, ohne festen Plan. Und genau das hat sich gelohnt.
Der Park erstreckt sich über fast sechshundert Quadratkilometer. Über hundert Seen liegen da, verbunden durch die Dahme und kleine Fließe. Ich habe auf einer einfachen Rundtour um den Tornower See angefangen. Der Weg führt dich entlang von Hanglagen und durch ein Naturschutzgebiet. Nach knapp zwei Stunden bin ich am Briesensee rausgekommen. Dort habe ich mich auf eine Bank gesetzt und zugeschaut, wie das Wasser ganz ruhig dalag. Kein Motorboot weit und breit an diesem Abschnitt. Stattdessen nur das leise Plätschern, wenn ein Fisch hochkommt. Ich habe gefühlt, wie die Schultern nach unten sacken. Das passiert hier öfter, als man denkt.
Du kannst den Park gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. Von Berlin aus nimmst du die Regionalbahn bis nach Teupitz oder Prieros. Dort gibt es Infopunkte, wo du Karten bekommst und jemanden findest, der dir sagt, welcher Weg gerade trocken ist. Ich habe in Prieros den zweieinhalb Kilometer langen Rundweg genommen, der am Maulbeerbaum startet. Früher gab es da Seidenraupenzucht, heute ist es ein ruhiger Pfad durch den Biogarten. Du gehst vorbei an Beeten, die zeigen, wie man mit wenig Aufwand Insekten anlockt. Praktisch, wenn du später zu Hause selbst etwas ausprobieren willst.
Ein andermal habe ich mir in Märkisch Buchholz ein Kanu geliehen. Der Verleih liegt direkt an der Eisenbahnstraße, und der Typ dort hat mir eine kurze Einweisung gegeben. Du paddelst die Dahme runter Richtung Prieros. Die Tour dauert je nach Tempo vier bis sechs Stunden. Ich habe sie allein gemacht und war unsicher, ob ich den Seeadler wirklich zu Gesicht bekommen würde. Dann habe ich ihn gesehen. Er saß hoch oben in einem Baum, hat mich kurz gemustert und ist losgeflogen. Das war kein Spektakel, sondern einfach ein Moment. Später habe ich erfahren, dass das ganze Gebiet hier ein Revier für die Vögel ist. Du hältst Abstand, lässt sie in Ruhe, und sie bleiben trotzdem in Sichtweite. Das funktioniert erstaunlich gut.
Auf dem Wasser merkst du erst, wie vernetzt alles ist. Du gleitest durch schmale Fließe, kommst auf einen See raus, paddelst weiter. An manchen Stellen kannst du anlanden und schwimmen. Die Strände sind natürlich, kein Kiosk weit und breit. Ich habe mir Brot und Wasser eingepackt und bin eine halbe Stunde im See getrieben. Das Wasser war klar genug, dass ich den Grund sehen konnte. Praktischer Tipp: Nimm wasserdichte Schuhe mit. Die Ufer können schlammig sein, besonders nach Regen. Und ein leichter Regenschutz schadet nie, auch wenn die Vorhersage gut aussieht.
Mit dem Rad ist der Park noch mal anders. Ich habe den Dahmeradweg ausprobiert. Er folgt dem Fluss über mehr als hundert Kilometer. Du musst nicht alles auf einmal machen. Ich bin von Groß Köris aus gestartet und habe zwanzig Kilometer zurückgelegt. Der Weg ist meist befestigt, du kommst durch Kiefernwälder und an kleinen Dörfern vorbei. In einem Gasthaus habe ich Mittag gegessen, einfach nur Suppe und Brot, und der Wirt hat mir erzählt, wo gerade Biber aktiv sind. Ich bin dann weitergefahren und habe tatsächlich eine frische Fraßspur gesehen. Der Baumstamm lag halb abgenagt am Ufer. So etwas siehst du hier öfter, wenn du langsam unterwegs bist.
Du fragst dich vielleicht, wie du Tiere am besten beobachtest. Ich habe es so gemacht: Morgens früh los, wenn noch wenig Leute unterwegs sind. Am Reichardtsluch, östlich von Limsdorf, habe ich mal einen ganzen Vormittag verbracht. Dort gibt es Luchwiesen, feuchte Wiesen mit ganz speziellen Pflanzen. Die Rohrdommel ruft da. Du hörst sie, bevor du sie siehst. Ich habe still dagestanden und gewartet. Plötzlich war da dieser tiefe, dumpfe Ton. Kein Foto, nur das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das schon lange läuft. Später am Tag habe ich einen Eisvogel gesehen, der pfeilschnell über ein Fließ flog. Solche Momente kommen, wenn du nicht danach suchst.
Die Landschaft wechselt ständig. Mal trockene Sandböden mit Heidekraut, mal dichter Mischwald, dann wieder offenes Wasser. In den Waltersbergen gibt es eine Binnendüne. Ich bin da hochgelaufen. Oben hast du Weitblick über die Baumkronen. Kein Drama, nur ein stiller Überblick. Du siehst, wie die Kiefern stehen, dicht an dicht, und dazwischen kleine Lichtungen. Ich habe dort oben gesessen und gedacht, dass es reicht, einfach da zu sein. Kein Gipfel, kein Ziel, nur der Wind und der Blick.
Für den Alltag im Park lohnt es sich, ein paar Sachen zu wissen. Hunde müssen in der Brut- und Setzzeit an die Leine. Das klingt streng, ist aber nötig, damit die Vögel und Rehe Ruhe haben. Ich habe es selbst erlebt: Ohne Leine wird es schnell unruhig. Nimm immer genug Wasser mit. Die Wege sind lang, und Trinkbrunnen gibt es nicht überall. Und wenn du mit dem Kanu unterwegs bist, schau dir die Windrichtung an. Auf den größeren Seen kann es schnell Wellen geben. Ich habe einmal umgedreht, weil es zu frisch wurde, und war froh darüber.
Einmal bin ich mit dem Rad durch die Groß Schauener Seenkette gefahren. Die Tour hat mich durch mehrere kleine Seen geführt. An einer Anlegestelle habe ich Pause gemacht und zugeschaut, wie ein Angler seinen Fang zurück ins Wasser warf. Er hat nur genickt, als ich vorbeikam. Solche Begegnungen sind hier normal. Die Leute lassen dich in deinem Tempo. Du kannst allein sein, ohne einsam zu sein.
Ich habe auch mal eine kürzere Wanderung im Moorwald gemacht. Der Boden federt unter den Schritten. Du hörst jedes Knacken. Die Luft riecht nach feuchtem Holz und Moos. Nach einer Stunde bin ich wieder rausgekommen und habe mich gefragt, warum ich nicht öfter so etwas mache. Die Wege sind gut markiert, aber du kannst auch einfach der Nase nach gehen. Ich habe das getan und bin nicht verloren gegangen. Es gibt immer einen Ausgang.
Du kannst hier richtig abschalten, ohne dass jemand dir sagt, wie. Ich habe gelernt, dass ich nicht jeden Meter planen muss. Manchmal reicht es, den Bus zu nehmen, ein Kanu zu mieten oder einfach loszulaufen. Die Seen, die Wälder und die Dahme machen den Rest. Ich komme wieder, weil es funktioniert. Weil es nah ist und doch weit weg von allem, was sonst so läuft. Und weil ich jedes Mal etwas Neues entdecke, auch wenn es nur ein weiterer ruhiger See ist oder ein Vogel, der seinen Weg zieht.


