Phoenix Park in Dublin
Ich war mehrmals dort, meist ohne festen Plan. Der Phoenix Park ist groß genug, dass man sich verlaufen kann, aber offen genug, dass man selten wirklich die Orientierung verliert. Ich erinnere mich an einen Morgen, kühl und still, wo das Gras noch feucht war. Ich ging einfach los, vom Gate aus, das in der Nähe der Stadt liegt. Nach ein paar Schritten hörte ich fast nichts mehr vom Verkehr. Nur das Knirschen meiner Schuhe auf dem Schotter.
Ich hatte nicht erwartet, Rehe zu sehen. Dann standen sie plötzlich da, ein paar Meter entfernt, zwischen Bäumen. Nicht scheu, aber vorsichtig. Sie bewegten sich weiter, ohne hastig zu wirken, und ich blieb stehen, um nicht aufzuschrecken. Ich habe später gelesen, dass sie seit Generationen dort leben. Über tausend Tiere, mitten in einer Hauptstadt. Diese Vorstellung hat mich länger beschäftigt als alles, was ich an dem Tag gesehen habe.
Wenn du den Park besuchst, geh früh hin. Am Vormittag ist das Licht weicher, und die Wege sind leerer. Fahrräder kann man mieten, aber zu Fuß zu gehen gibt dir mehr Nähe zu allem. Ich habe am zweiten Tag versucht, mit dem Rad zu fahren, bin aber ständig abgestiegen, weil ich stehenbleiben wollte. Bei der Wellington-Säule, bei den alten Mauern, die wie zufällig in der Landschaft liegen. Es gibt viele Stunden, die man dort verbringen kann, ohne etwas „zu tun“.
Ich habe eine Bank gefunden, an einem kleinen Pfad hinter der Hauptallee. Da saß schon jemand, ein älterer Mann mit einer Zeitung. Wir haben kurz gesprochen. Er kam fast jeden Tag her, seit Jahrzehnten, hat er gesagt. Er mochte den Lärm der Stadt nicht mehr, aber hier, im Park, finde er Ruhe. Ich verstand, was er meinte. Es gibt nur wenige Orte, wo man sich in einer Großstadt gleichzeitig so fern und so nah fühlen kann.
Manchmal riecht die Luft dort anders, besonders im Sommer. Nach Gras, nach Regen, manchmal nach Pferden – die Polizei hat dort ihre Reiterstaffel. Ich habe sie auf einer Übungswiese gesehen, ruhig, konzentriert, ohne Publikum. Der Anblick war irgendwie beruhigend. Menschen und Tiere, die etwas gemeinsam tun, ohne Aufregung.
Praktisch betrachtet lohnt es sich, sich etwas vorzubereiten. Der Park ist weitläufig, über sieben Quadratkilometer, und nicht alles liegt dicht beieinander. Ich hatte beim ersten Mal keine Wasserflasche dabei. Nach einer Stunde musste ich umkehren, weil es keine Cafés in der Nähe gab. Beim zweiten Besuch wusste ich es besser. Ich nahm etwas zu trinken, einen Apfel und eine Regenjacke – das Wetter ändert sich dort schnell.
Wer sich für Geschichte interessiert, findet im Park viel. Das Áras an Uachtaráin, der Amtssitz des Präsidenten, liegt mitten im Gelände. Von außen kann man das Hauptgebäude sehen, weiß, mit einer breiten Auffahrt und gepflegtem Rasen. Nicht weit davon entfernt steht der Zoo, der zu den ältesten Europas zählt. Ich war kurz dort, blieb aber nicht lange – mir gefiel der offene Teil des Parks besser.
Ich habe am späten Nachmittag einen Spaziergang gemacht, als die Sonne tiefer stand. Die Schatten der Bäume wurden lang, und das Licht hatte Farbe. Ich bemerkte, dass viele Menschen dort einfach sitzen. Allein, mit Freunden, mit Familien. Keine laute Musik, kein Gedränge. Nur Stimmen, manchmal ein Ball, der irgendwo auf den Weg rollt. Ich erinnere mich an einen Jungen, der mir ein „Sorry“ zugerufen hat, als er ihn holte. Sein Vater lachte, und ich musste auch lachen.
Es gibt eine Stelle, von der aus man die Stadt in der Ferne sieht. Ganz am westlichen Ende, kurz bevor die Bäume sich öffnen. Ich blieb dort stehen und sah die Dächer, die Kräne, einen Streifen Liffey. Es war ein klarer Tag. Ich hatte das Gefühl, der Park hätte seine eigene Stille, unabhängig davon, was draußen passiert.
Ich habe später versucht herauszufinden, wann der Park entstanden ist. Ursprünglich war es jagdliches Gelände, angelegt von einem Vizekönig. Heute ist er öffentlich, und das merkt man: Menschen kommen zum Laufen, Radfahren, Picknicken. Es gibt kaum Verbote, und doch verhalten sich die meisten respektvoll. Ich fand das bemerkenswert.
Wenn du dort bist, geh zum People’s Garden. Das ist der kultiviertere Teil, mit Blumenbeeten, gepflegten Wegen, einem kleinen Teich. Ich saß dort auf einer Bank unter Bäumen und aß ein Sandwich. Neben mir stand eine Familie, die ihren Sohn fotografierte, während er auf einen Stein kletterte. Dann fing es an zu regnen, und alle liefen lachend unter die Bäume. Ich blieb noch kurz sitzen. Der Regen war nicht stark, nur gleichmäßig.
Ich habe im Park keine großen Erkenntnisse gewonnen. Aber ich habe gemerkt, dass er Raum lässt, auch für nichts. Für das Gehen ohne Ziel. Für Blicke, die hängen bleiben. Für Pausen.
Wer länger bleibt, kann beobachten, wie sich der Park verändert. Morgens ruhig, mittags belebt, abends wieder still. Es gibt eine Denkmalwiese, wo der Papst eine Messe gehalten hat, und einen Obelisken, der an Wellington erinnert. Ich habe nicht versucht, mir alles zu merken. Ich ging einfach weiter, manchmal in die falsche Richtung, manchmal auf einem Pfad, der plötzlich endete.
Ich erinnere mich an den Moment, als ich aus dem Park wieder hinausging. Der Verkehr, das Dröhnen der Busse, die lauten Stimmen. Es war, als würde man kurz blinzeln müssen. Der Park bleibt ruhig, selbst wenn man längst draußen ist. Ich habe gemerkt, dass ich langsamer laufe, auch später, in den Straßen.
Ich weiß nicht, ob der Phoenix Park der schönste Ort in Dublin ist. Aber er ist einer, an dem man etwas von der Stadt versteht. Vielleicht, weil er sie nicht versteckt, sondern ihr Platz lässt. Und weil man dort leicht vergisst, dass man mitten in ihr steht.

