Spike Island: Die Geschichte des irischen Alcatraz

Ich bin mit der ersten Fähre gefahren. Das Wasser war ruhig, fast zu ruhig für den frühen Morgen, und die Leute auf dem Boot sprachen kaum. Ich hatte den Namen der Insel oft gelesen, meist in Verbindung mit Gefängnissen und Festungen, nie mit etwas Lebendigem. Als sie dann auftauchte, flach gegen den grauen Himmel, sah sie trotzdem friedlich aus. Vielleicht, weil man solche Orte aus der Ferne schwer einschätzen kann.

Der Wind auf Spike Island riecht nach Metall und Tang. Kein salziger Sommergeruch, eher etwas Schweres, das an der Kleidung haftet. Ich bin vom Anleger direkt den Hügel hinauf gegangen, vorbei an einem Gebäude mit offenen Türen. Drinnen standen alte Betten aus Eisen. Keine Schilder, keine Absperrungen. Nur Staub und eine leise Bewegung der Luft. Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie viele Leute hier geschlafen haben, und wie eng das gewesen sein muss. Es fiel mir schwer.

Im Besucherzentrum sprach ein älterer Mann, der als Freiwilliger arbeitet. Er erzählte nicht in der Reihenfolge der Jahreszahlen, sondern so, wie ihm die Erinnerungen kamen. Einmal als Militärstützpunkt, dann Gefängnis, dann wieder verlassen. Ich habe gemerkt, dass er beim Wort Gefängnis kurz innehielt. Vielleicht hatte er Leute gekannt, die dort gearbeitet haben. Er meinte, die Zellen seien feuchter als früher, weil niemand mehr heizt. Ich habe nur genickt.

Draußen führt ein Weg um die Insel. Man kann in einer Stunde herumgehen, wenn man sich nicht aufhält. Ich habe länger gebraucht. Das Gras wächst hoch, und manche Stellen wirken, als kämen dort keine Menschen hin. Nur Vögel und Wind und manchmal das leise Klirren eines entfernten Tores. Auf der Südseite sieht man über das Wasser nach Cobh, die kleinen Häuser mit bunten Dächern. Von dort wirkt Spike freundlich. Von hier aus wirkt Cobh wie eine Erinnerung an das, was draußen bleibt.

Ich hatte eine Flasche Wasser dabei und ein belegtes Brot, das ich am Kai gekauft habe. Nichts Besonderes, aber dort oben auf der Mauer hat es anders geschmeckt. Ich glaube, weil es keine Ablenkung gab. Nur Himmel, Geräusch des Hafens und das Gefühl, dass die Zeit sich hier anders bewegt. Keine Geschwindigkeit, keine Termine, nur Wind und kleine Schritte.

Die Touristenkarte, die ich am Eingang bekommen hatte, blieb in der Tasche. Ich habe mir angewöhnt, nicht ständig nachzulesen, was ich gerade sehe. Die Zahlen und Daten helfen mir selten. Manchmal reicht ein Blick auf eine Mauer, um zu verstehen, dass sie nie für offene Fenster gedacht war.

In einem der Gebäude stand ein rostiger Heizkörper mit einer eingedrückten Ecke. Ich weiß nicht, warum ich so lange darauf gestarrt habe. Vielleicht, weil er wie ein Rest von Alltag aussah, mitten in einem Ort, der kaum noch Alltag kennt. Ich habe dann ein Foto gemacht, nicht für soziale Medien, sondern für mich. Damit ich es später nicht vergesse.

Am Nachmittag kamen mehr Leute, Schulgruppen und Paare mit Rucksäcken. Ich bin dann die Treppen zur Bastion hochgegangen, so weit, bis der Wind stärker wurde und ich das Meer ganz sah. Von dort erkennt man, wie nah alles beieinander liegt: der Hafen, die Stadt, die Fähre, die in einer Linie über das Wasser zieht. Ich habe mich gefragt, wie es wäre, hier zu leben, wenn man die Geschichten nicht ständig hört. Ob man trotzdem jeden Tag an sie denken würde.

Die Wege sind sauber, fast zu aufgeräumt. Ich habe niemanden gesehen, der sie reinigt. Vielleicht machen das Freiwillige am frühen Morgen. Es erinnert mich an Friedhöfe, wo jemand immer ein wenig zu früh war. An Orten, wo vieles still bleibt, fällt Ordnung mehr auf als anderswo.

Ich habe mit einer Frau gesprochen, die am Kiosk arbeitet. Sie sagte, dass manche Besucher enttäuscht sind, weil sie sich mehr Spektakel wünschen. Aber Spike Island sei kein Spektakel. Eher eine Pause. Ich fand das passend. Sie erzählte, dass sie manchmal allein über die Insel läuft, wenn die letzte Fähre weg ist. Dann hört sie nichts, außer dem Wind über den Dächern. Ich habe das Bild behalten.

Beim Rückweg zum Anleger fing es leicht an zu regnen. Nicht viel, eher wie Nebel. Die meisten zogen ihre Kapuzen hoch. Ich bin einfach weitergegangen. Das Wasser glitt über die Jacke, und alles bekam diesen matten Glanz, der nur bei Regen entsteht. Ich hatte das Gefühl, dass die Insel so am besten aussieht. Nicht als Museum, sondern als etwas, das weiterhin selbst atmet.

Die Fähre zurück war fast leer. Die Menschen saßen verteilt, einige schauten auf ihre Telefone, andere nach draußen. Niemand sprach. Ich habe an die Stille gedacht, die bleibt, wenn der Motor ausgeht, und wie schnell sie wieder überdeckt wird, sobald man anlegt.

Ich will nicht sagen, dass ich verstanden habe, was diesen Ort ausmacht. Ich bin nur herumgelaufen, habe gesehen, was übrig ist, und gemerkt, dass man manchmal einfach dableiben sollte, bis es leise genug wird. Dann merkt man, was da ist. Und was nicht mehr.