Inishowen Peninsula

Ich war in Inishowen, nicht lange, aber lang genug, um zu verstehen, dass sich hier nichts beeilen lässt. Die Straßen sind schmal, manchmal wirkt der Asphalt wie eine nachträgliche Idee zwischen Felsen, Wasser und Moos. Ich erinnere mich an den Geruch von Torf, als ich das Auto anhielt, irgendwo zwischen Buncrana und Mamore Gap. Kein Schild, kein Mensch. Nur Wind und das schiefe Gatter einer Weide, das in kurzen Abständen anschlug, wenn die Böen stärker wurden.

Ich hatte gedacht, das Meer würde sich hier lauter bemerkbar machen. Doch oft war es das Gegenteil. Stille, auch in den Buchten. Der Norden Irlands hat eine andere Farbe als das, was Reiseführer zeigen. Das Grün ist weniger satt, manchmal fast grau. Besonders, wenn der Nebel tief hängt und alles in eine Art gedämpftes Licht taucht. Es wirkt, als würde die Zeit hier nicht alt werden, sondern einfach stillstehen.

Inishowen ist größer, als ich dachte. Auf der Karte wirkt sie überschaubar. In der Wirklichkeit verliert man schnell das Maß. Ich habe mir anfangs vorgenommen, einmal komplett um die Küste zu fahren, den “Inishowen 100” entlang. Das sind etwas über hundert Meilen, aber sie ziehen sich. Immer wieder hält man an, weil die Aussicht eine Richtung vorgibt, die keine Straße hat. Ich habe dabei gelernt, dass man hier keine Strecke planen sollte. Vielleicht eine Richtung, mehr nicht.

Ich erinnere mich an Greencastle, an den Geruch nach Fischgeräten am Hafen. Dort legt die Fähre nach Magilligan ab. Sie spart Zeit, aber ich wollte bleiben. Ich bin den schmalen Weg zur Pier gegangen und habe mit einem alten Fischer gesprochen, der gerade sein Boot leer räumte. Er sagte, der Winter sei still, aber der Wind nie wirklich weg. Er sprach leise, als würde auch er den Lärm der Wellen vermeiden wollen.

Malin Head liegt am nördlichsten Punkt, und jeder, der dorthin fährt, merkt irgendwann, dass dieser Punkt weniger wegen seiner Geografie interessant ist als wegen der Stimmung dort oben. Ich war frühmorgens dort, bevor andere kamen. Das Licht hatte eine Schärfe, die die Kanten der Felsen verstärkte. Ich habe eine Weile den Horizont beobachtet, dann die Ruinen der alten Signaltürme. Überreste, mehr nicht, aber sie erzählen, dass hier früher jemand auf Sicht gewartet hat. Heute sieht man kaum Schiffe. Nur Möwen, die den Wind nutzen, ohne sich zu bewegen.

Ich habe an vielen kleinen Stränden gehalten. Einer davon war rechts hinter Culdaff, kaum ausgeschildert, eher ein Parkplatz für zwei Autos. Der Sand war nass, verdichtet, die Muscheln dickwandig. Ich habe Schuhe ausgezogen, obwohl es kalt war, und bin barfuß gegangen, bis das Wasser kam. Es zog sich zurück, leise und gleichmäßig. Ich habe später gelesen, dass dort manchmal Seehunde auftauchen. An dem Tag kam keiner. Aber das Wasser glänzte, als wolle es etwas davon erzählen.

Praktisch gesehen ist es kein einfaches Reiseziel. Es gibt wenige Übernachtungsmöglichkeiten außerhalb der größeren Orte. In Carndonagh habe ich ein Zimmer über einem Pub bekommen, das nach Rauch roch, obwohl niemand mehr drinnen rauchte. Ich war dankbar für den Ort, besonders wegen des Frühstücks am nächsten Morgen: Porridge mit Salz, nicht Zucker, eine Scheibe gebratener Lachs, schwarzer Tee. Ich habe gemerkt, wie sehr das Wetter und das Essen hier zusammengehören. Nach Regen schmeckt alles kräftiger.

Fahren ist anstrengend. Linksverkehr allein ist machbar, aber die Straßen engen ein, sobald man einen Traktor trifft oder ein Schaf mitten auf der Kurve steht. Ich bin einmal fast stehengeblieben, weil ich nicht wusste, wie viel Platz die Gegenfahrbahn noch bietet. Aber niemand hupt hier. Menschen lächeln kurz, heben die Hand, fahren weiter. Ich habe mich mit der Zeit angepasst.

Ich habe am Nachmittag oft angehalten, um einfach das Licht zu sehen, wie es sich verändert. In Inishowen kommt der Abend nicht schleichend. Plötzlich ist er da. Dann leuchtet alles anders – das Gras dunkler, das Meer fast blau-schwarz, der Himmel offen. Ich habe versucht, zu fotografieren, aber die Bilder wurden zu sauber, zu ordentlich. Das, was den Moment ausmacht, passt nicht ins Format.

Einer der ruhigsten Orte war für mich Fort Dunree, eine alte Küstenbefestigung nahe Buncrana. Teile davon sind museumtauglich, Teile verfallen. Ich bin geblieben, als die Sonne schräg auf die rostigen Kanonen fiel. Das Meer unten war unruhig, aber die Klippen standen still. Kaum Touristen. Ich erinnere mich, dass ich dort zum ersten Mal das Gefühl hatte, mehr zu hören, wenn ich gar nichts sagte.

Wenn du hinfährst, nimm dir Zeit für das, was zwischen den Orten liegt. Die kleinen Farmstände, die kaum Preise haben, die schwarzen Kühe, die auf den nassen Wiesen wie Schatten stehen. Ein guter Tag beginnt mit Regen, weil danach alles klarer wird. Pack eine Thermoskanne ein, einen Pullover, auch im Sommer.

Ich habe die Halbinsel verlassen, als das Wetter wieder umschlug. Der Himmel war offen, aber es kam Wind von der See, hart und kalt. Ich fuhr Richtung Derry, und irgendwo kurz hinter Muff blickte ich noch einmal zurück. Keine dramatische Szene, kein Abschied, nur dieser Gedanke, dass so viel Landschaft noch übrig war, die ich nicht gesehen hatte. Vielleicht ist das das Beste an Inishowen. Dass man immer das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben, und das in Ruhe akzeptieren kann.

white bird on green grass near body of water during daytime
a herd of cattle grazing on a lush green hillside