Ein Spaziergang durch Galway
Ich habe Galway an einem Nachmittag erreicht, als das Licht brüchig wurde und die Luft nach Salz und Metall roch. Der Bus aus Dublin hat mich ausgespuckt, leicht schwindlig vom Sitzen, hungrig und ohne Plan. Du kennst das vielleicht: diese leichte Desorientierung, wenn man neu an einem Ort ist, die Straßen schmaler wirken als auf Fotos, die Menschen sich dichter bewegen.
Ich bin einfach losgelaufen, ohne Karte. Die Stadt ist klein genug, um sie zu Fuß zu verstehen. Unten am Eyre Square war Lärm, Musik, Stimmen. Kein touristischer Jubel, eher das stetige Rauschen einer Stadt, die sich nicht zu sehr um Besucher kümmert. Ich habe mich zwischen die Menschen geschoben, Rucksack auf der Schulter, die Hände in den Taschen. Galway fühlt sich dicht an – als würde man ihm zu nah kommen müssen, um es zu erleben.
In der William Street bin ich stehen geblieben, weil ein Straßenmusiker gespielt hat. Kein Pop, kein Cover. Einfach Gitarre, Stimme, Wind. Es klang uneben, aber ehrlich. Ich habe ein paar Minuten dageblieben, Geld in die Gitarrentasche gelegt. Ich habe beobachtet, wie Leute stehen blieben, dann weitergingen, andere ihre Köpfe nicht einmal hoben. Es gibt in dieser Stadt wenig Distanz zwischen Kunst und Alltag. Musik gehört nicht dazu, sie passiert einfach.
Ich bin weiter Richtung Latin Quarter gegangen. Die Straßen wurden enger, die Fassaden bunter. Viele kleinen Lokale, manche halb leer, andere so voll, dass man durchs Fenster die Wärme spüren konnte. Ich habe mir ein kleines Café ausgesucht, kein besonderes. Es roch nach Kaffee, nach Butter, nach gebratenem Brot. Ich habe einen Platz am Fenster gefunden, die Jacke über den Stuhl gehängt. Ein älteres Paar sprach Irisch. Langsam, mit Pausen. Ich habe kein Wort verstanden, aber der Klang hatte etwas Ruhiges.
Das Essen war einfach: Suppe, Brown Bread, Butter. Ich habe dir das Rezept nicht, aber ich glaube, es ging da weniger ums Kochen als um die Ruhe, die in so einem Mittag steckt. Ich habe den Dampf vom Teller aufsteigen sehen, draußen liefen Menschen vorbei, Kapuzen über den Köpfen.
Später bin ich Richtung Quay Street gelaufen. Dort ist mehr Bewegung, mehr Farbe. Pubs mit offenen Türen, Live-Musik drinnen. Es zieht einen hinein, fast automatisch. Ich habe mich in einen Pub gesetzt, an die Bar, mit einem halben Pint. Neben mir ein Mann, der sagte, er arbeite auf einem Boot. Wir haben über das Wetter gesprochen, über nichts, und das war genug. Er meinte, Galway sei schön, wenn es regnet, weil dann alle im gleichen Zustand seien. Ich habe das behalten.
Vom Spanish Arch bin ich später ans Wasser gegangen. Der Wind war kräftig, die Möwen schrien, das Wasser schlug gegen die Mauer. Ich habe mich dort eine Weile hingesetzt. Kein Programm, keine Sehenswürdigkeit. Nur Wasser, Himmel, Wind. Ich habe gedacht, dass viele Städte schön sind, wenn man sie zum ersten Mal durchgeht, aber Galway wirkt, als hätte es keine Eile, einem zu gefallen.
Für den nächsten Tag habe ich mir keine Liste gemacht. Ich bin wieder gelaufen, diesmal Richtung Claddagh. Alte Häuser, Boote, kleine Gärten. Hinter mir die Stadt, vor mir das offene Wasser. Ich habe Seeluft geatmet, kalt und klar. Vor einem Haus hat eine Frau Holz gehackt, die Axt ruhig, das Gesicht konzentriert. Ich habe kurz stehen geblieben, sie hat gelächelt. Kein Zeichen, dass ich stören würde, nur dieses kleine, beiläufige Anerkennen, dass jemand vorbeikommt.
Wenn du nach Galway kommst, brauchst du keine Pläne. Es reicht, wenn du gehst. Die Stadt ist gebaut, um gefunden zu werden, nicht, um sie abzuarbeiten. Vielleicht nimmst du dir feste Schuhe mit, es ist windig, oft feucht. Am frühen Abend lohnt es sich, einen Pub mit Live-Musik zu suchen, aber nicht nach Namen zu fragen. Geh einfach dorthin, wo du eine Geige hörst oder ein Lachen durch die Tür dringt.
Ich habe einige Orte wiedergefunden, ohne sie gesucht zu haben. Ein Laden mit Wollpullovern, ein kleines Buchgeschäft mit einem wackligen Regal. Ich habe dort eine alte Karte gekauft, wahrscheinlich wertlos, aber schön. Irgendwie zeigt sie, dass Dinge Bestand haben, auch wenn sie sich verändern.
An einem Morgen bin ich früh aufgestanden, noch bevor es hell wurde, und zum Hafen gegangen. Es war fast leer. Ich habe Fischer gesehen, die Netze überprüft haben, schweigend, die Hände kalt. Sie haben mich wahrgenommen, aber nichts gesagt. Ich habe den Dieselgeruch geatmet und das leise Plätschern gehört, das rollt, stoppt, wiederkehrt.
Wenn du Zeit hast, geh zu Fuß bis nach Salthill. Es ist nicht weit, du läufst an der Promenade entlang. Das Meer öffnet sich, die Stadt bleibt hinter dir. Ich habe dort auf einer der Bänke gesessen und gesehen, wie jemand ins Wasser ging. Ohne Neopren, einfach so. Er ist kurz geschwommen, dann wieder raus, hat sich abgetrocknet und gelächelt. Ich habe gedacht, das ist vielleicht die Haltung, mit der man hier lebt – reingehen, spüren, egal wie kalt es ist.
Ich habe später in einem kleinen Geschäft mit einem älteren Mann gesprochen, der Bücher über lokale Geschichte verkaufte. Er hat mir erzählt, dass Galway immer vom Meer kam, immer von außen bewohnt, durchmischt, nie ganz fertig. Ich glaube, das merkt man, wenn man durch die Straßen läuft. Diese leichte Unruhe, die Gleichzeitigkeit von Stille und Bewegung.
Praktisch: Die meisten Orte lassen sich zu Fuß erreichen. Ein Fahrrad lohnt sich, wenn du länger bleibst. Busse fahren regelmäßig, aber sie sind manchmal überfüllt. Unterkünfte findest du viele, aber im Sommer wird es schnell voll.

