Kylemore Abbey: Romantik am See in Connemara
Ich bin früh losgefahren, bevor die Sonne über den Bergen stand. Die Straße nach Kylemore schlängelt sich durch eine Landschaft, die sich nicht festhalten lässt. Fels, Wasser, Schafe. Ich habe angehalten, weil ein Schwarm Krähen über den Bäumen hing. Es war still, kein Wind, nur das Tropfen von Wasser irgendwo am Rand des Weges.
Als ich weiterfuhr, tauchte das Gebäude plötzlich auf. Kein großer Moment, kein dramatisches Aufblitzen, sondern ein grauer Körper aus Stein, der zwischen See und Berg lehnt. Ich hatte Bilder gesehen, viele. Aber in echt wirkt es kleiner, verletzlicher. Ich wusste, dass es einmal ein privates Haus war, gebaut aus Liebe und Verlust, später ein Kloster. Diese Schichten spürt man hier, auch wenn man nichts darüber liest.
Ich habe den Wagen am Besucherparkplatz abgestellt. Von dort führt ein kurzer Fußweg hinunter zum Eingang. Ein Souvenirshop, ein Café, diese typischen Übergänge zwischen Ort und Tourismus. Ich habe meinen Kaffee zu schnell getrunken, zu bitter, zu heiß. Dann bin ich durch die Gärten gegangen. Sie waren leer. Nur eine Frau mit grünem Schal, die sich über eine Beetkante beugte und etwas auf ein Notizblatt schrieb.
Der Garten ist geometrisch angelegt, fast streng, aber auf eine friedliche Weise. Ich habe erfahren, dass hier früher nur Pflanzen wuchsen, die im eigenen Besitz kultiviert wurden, nichts Fremdes, kein Import. Heute stehen dort viktorianische Sorten, beschriftet mit feinen Schildern. Ich habe lange bei den Kohlbeeten gestanden. Vielleicht, weil sie mich an den Garten meines Großvaters erinnerten. Damals habe ich das Unkraut gehasst, aber heute mag ich den Geruch von Erde an den Fingern.
Als ich weiterging, kam ich an einer kleinen Glaswand vorbei, dahinter ein Gewächshaus mit Tomatenpflanzen, noch ohne Früchte. Die Luft dort war anders, dichter, süß. Ich habe mein Gesicht kurz ans Glas gelegt, nur um die Wärme zu spüren.
Der Weg zum Kloster führt am See entlang. Das Wasser ist schwarz, fast unbeweglich, nur manchmal zieht ein Windstoß kleine Wellen über die Oberfläche. Ich habe mich auf eine niedrige Mauer gesetzt. Drüben spiegelte sich das Gebäude im Wasser, aber das Spiegelbild war schärfer als die Wirklichkeit. Vielleicht, weil die Sonne kurz herauskam.
Drinnen klingt alles gedämpft. Die Räume sind kleiner, als ich dachte. Einige Wände tragen Fotografien aus der Zeit, als hier noch Benediktinerinnen lebten. Ich habe gelesen, dass sie aus Belgien kamen, während des Kriegs geflohen. Ich dachte an das Gefühl, alles zurückzulassen, und an das, was man an einem neuen Ort aufbaut, weil man muss.
Ein Raum ist der Frau gewidmet, deren Tod den Bau des Ortes ausgelöst hat. Margaret. Ihr Mann ließ alles errichten – das Haus, den Garten, die Kapelle – nach ihrem Tod. Ich habe ein Foto von ihr gesehen, in einem schmalen Rahmen. Sie lächelt, aber nicht wirklich. Ich habe mich gefragt, ob sie diesen Ort je gesehen hätte, wie er heute ist. Und wem er jetzt gehört.
Die kleine gotische Kirche liegt etwas abseits, am Hang. Ich war fast allein dort. Ich habe mich eine Weile auf die Holzbank gesetzt, ohne zu beten, ohne an etwas Bestimmtes zu denken. Im Inneren riecht es leicht nach Stein und Kerzenwachs. Eine Frau fegte in der Ecke und nickte mir zu. Ich mochte diese einfache Geste. Sie war freundlicher als jedes Schild mit “Welcome”.
Praktisch gesehen ist der Ort sehr gut organisiert. Toiletten sauber, das Café ordentlich, das Personal höflich. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass hier etwas nicht ganz aufgeht. Es ist zu perfekt in seiner Unvollkommenheit, zu gepflegt für die Landschaft, die drumherum so rau ist. Aber vielleicht ist genau das der Reiz: dass etwas so Stillgestelltes inmitten von Wind und Nebel stehen darf.
Ich habe am Ausgang eine kleine Broschüre gekauft, um später einige Dinge nachzulesen. Zum Beispiel, dass die Nonnen heute noch auf dem Gelände leben, aber außerhalb der alten Mauern. Man sieht sie nicht, aber man merkt, dass sie da sind. Manche Besucher achten bewusst darauf, leise zu sprechen. Keine Schilder, die dazu mahnen. Nur ein gewisser Respekt, der in der Luft liegt.
Für den Rückweg habe ich mir Zeit gelassen. Wenn du dort bist, nimm keine Autobahn. Fahr über Clifden oder Letterfrack, je nachdem, von wo du kommst. Die Straßen sind eng, manchmal kaum breiter als ein Auto. Aber du wirst Aussichten finden, die dich zwingen anzuhalten. Ich empfehle, Wasser und etwas zu essen mitzunehmen, besonders wenn du länger bleiben willst. Das Restaurant schließt früh, und im Umkreis ist wenig Infrastruktur.
Die beste Tageszeit ist der späte Nachmittag. Wenn das Licht flach wird und der See beginnt, die Farben zu verschlucken. Fotos lohnen sich dann am meisten, aber ich habe irgendwann aufgehört zu fotografieren. Das Bild im Kopf war klarer.
Ich habe beim Gehen das Gefühl gehabt, dass ich etwas verstanden habe, ohne richtig zu wissen, was. Vielleicht nur, dass Orte wie dieser nicht vollständig erklärbar sind. Sie brauchen Zeit, und Stille, und jemanden, der hinschaut, ohne ständig nach Bedeutung zu suchen.
Ich würde wiederkommen, aber nicht bald. Der Ort wirkt nach, wie ein Wasserfleck auf Papier.


