Lough Corrib

Ich habe den Lough Corrib zum ersten Mal von Oughterard aus gesehen. Der Ort liegt direkt am Ufer und du spürst sofort, dass der See größer ist als alles, was du aus Bildern erwartest. Ich bin frühmorgens hingefahren, habe den Wagen abgestellt und bin zum Pier gegangen. Das Wasser lag still da, grau mit ein paar weißen Schaumkronen weiter draußen. Ich habe gedacht, das ist kein kleiner See, das ist ein eigenes Meer.

Der Lough Corrib misst rund zweihundert Quadratkilometer. Er zieht sich über fünfunddreißig Meilen von Galway City bis hinauf nach Maum. Ich habe das nicht vorher auswendig gelernt, sondern später auf einer Tafel am Hafen gelesen und dann erst richtig begriffen, warum die Wellen so weit weg wirken. Du kannst hier stundenlang fahren und immer noch neue Buchten entdecken. Ich habe es ausprobiert. Einmal bin ich mit einem gemieteten Boot raus und habe einfach nur geradeaus gehalten. Nach einer halben Stunde war das Ufer verschwunden und nur noch Inseln um mich herum.

Es gibt über dreihundert davon. Manche sagen mehr. Ich weiß nicht genau, wie viele es wirklich sind. Das spielt auch keine Rolle. Was zählt, ist, dass jede einzelne anders aussieht. Manche sind nur ein paar Felsen mit Gras, andere haben kleine Wälder und alte Mauern. Ich habe Inchagoill besucht, die größte Insel. Ein Boot hat mich hingebracht, von Oughterard aus. Die Fahrt dauert knapp eine Stunde, je nach Wind. Der Kapitän hat mir erzählt, dass dort schon vor über tausend Jahren Menschen gelebt haben. Ich bin ausgestiegen und habe die Steine der alten Kirche angefasst. Sie fühlten sich kalt an, glatt vom Regen der Jahrhunderte. Keine Touristenmassen, nur ich und ein paar Vögel. Du kannst dort herumlaufen und plötzlich vor einem Stein stehen, der angeblich der älteste christliche Grabstein außerhalb Roms ist. Ich habe mich hingehockt und die Inschrift betrachtet. Es hat mich still gemacht.

Wenn du selbst hinfahren willst, nimm dir Zeit für den Pier in Oughterard. Dort gibt es Boote zu mieten und Leute, die dich begleiten. Ich habe einen Guide genommen, weil ich allein nie so weit rausgefahren wäre. Der Wind kann schnell drehen und dann wird der See unruhig. Der Mann hat mir gezeigt, wo die Strömungen laufen und wo man am besten ankert. Für rund hundert Euro bekommst du ein kleines Boot mit Motor und jemanden, der die Geschichte kennt. Das lohnt sich. Ohne ihn hätte ich die versteckten Buchten nie gefunden.

Ich habe auch gefischt. Der See ist bekannt für seine wilden Braunforellen und Lachse. Ich habe mir eine Rute geliehen und bin mit dem Guide raus. Wir haben mit nassen Fliegen gearbeitet, klassisch, wie es hier üblich ist. Ich habe nicht viel gefangen, aber das war nicht der Punkt. Es ging um das Warten, das Treiben im Wind, das leise Klatschen der Wellen gegen den Bootsrumpf. Einmal hat die Rute gezuckt und ich habe eine Forelle von fast einem Kilo rausgeholt. Sie hat sich gewehrt, silbern im Licht. Ich habe sie zurückgesetzt. Der Guide hat genickt. Hier geht es nicht darum, den Kühler voll zu machen. Es geht darum, dass der Fisch da ist und du ihn kurz spürst.

Du solltest wissen, dass die Saison für Forellen Mitte Februar beginnt und im September endet. Für Lachse früher. Ich war im Frühsommer da und die Mayflies sind geflogen wie verrückt. Das hat die Fische an die Oberfläche gebracht. Wenn du selbst angeln willst, frag am besten in einem der Angelläden in Oughterard nach einem Bootman. Die kennen die besten Stellen. Ohne sie verlierst du schnell den Überblick. Der See hat zwei Becken, ein flaches im Süden und ein tieferes im Norden. Das verändert alles.

Ich bin auch einmal um den südlichen Teil gefahren. Mit dem Auto, langsam. Von Galway aus sind es nur zwanzig Minuten bis zum See. Du fährst durch grüne Hügel und plötzlich liegt er da. Ich habe an einem kleinen Strand gehalten, Pebble Beach heißt er. Die Steine waren rund und warm von der Sonne. Ich habe mich hingesetzt und zugeschaut, wie ein Reiher über das Wasser strich. Kein Lärm, nur das leise Rauschen. Wenn du Ruhe suchst, nimm dir ein Fahrrad und fahr die kleinen Straßen entlang. Es gibt Parkplätze und Zugänge bei Derrymoyle oder Knockferry. Die sind frei und niemand schickt dich weg.

Einmal habe ich Kayak gefahren. Nicht weit raus, nur in einer geschützten Bucht. Das Wasser war klar genug, dass ich die Steine am Grund gesehen habe. Ich habe Ottern beobachtet. Sie sind scheu, tauchen ab, wenn du zu nah kommst. Aber wenn du still bleibst, kommen sie wieder. Ich habe einen gesehen, wie er mit einem Fisch im Maul an Land geschwommen ist. Das war besser als jedes Foto.

Der Wind ist hier ein ständiger Begleiter. Ich habe gelernt, immer eine extra Jacke mitzunehmen. Auch im Sommer kann es kühl werden. Und Regen. Der kommt plötzlich und geht genauso schnell wieder. Ich habe das erlebt, als ich auf dem Boot war. Erst Sonne, dann Wolken, dann wieder hell. Die Landschaft verändert sich mit dem Licht. Die Twelve Bens im Hintergrund werden mal scharf, mal verschwommen. Das macht den See lebendig.

Wenn du in Galway übernachtest, lohnt sich ein Tagesausflug. Du kannst morgens los und abends zurück. Oder du bleibst in Oughterard. Dort gibt es kleine Hotels direkt am Wasser. Ich habe in einem geschlafen, bei dem das Zimmerfenster zum See ging. Nachts habe ich das Wasser gehört. Es hat mich beruhigt. Am nächsten Tag bin ich früh raus und habe den Sonnenaufgang gesehen. Das Wasser hat rosa geschimmert. Ich habe Kaffee getrunken und gedacht, das hier ist echt.

Du kannst auch von Cong aus starten. Der Ort liegt am oberen Ende. Von dort aus siehst du den See anders, enger, mit mehr Bergen drumherum. Ashford Castle ist in der Nähe. Ich war nicht drin, aber ich habe das Boot daran vorbeifahren lassen. Die Mauern wirken alt und fest. Der Guide hat erzählt, dass früher Boote hier Handel getrieben haben. Ich habe mir vorgestellt, wie das gewesen sein muss.

Der Lough Corrib ist nicht überlaufen. Du kannst Stunden unterwegs sein und nur ein paar andere Boote sehen. Das gefällt mir. Es gibt Platz zum Atmen. Ich habe das Gefühl gehabt, dass der See mir Zeit gibt. Zeit zum Schauen, zum Warten, zum Spüren. Wenn du kommst, nimm dir das mit. Lass das Handy im Auto, wenn möglich. Schau einfach hin.

Ich bin mehrmals hingefahren. Jedes Mal war es anders. Einmal starke Wellen, einmal spiegelglatt. Einmal habe ich Hechte gesehen, die im flachen Wasser jagten. Ein anderes Mal nur Vögel. Der See ändert sich. Du änderst dich mit. Ich weiß nicht, ob ich alles gesehen habe. Das muss auch nicht sein. Es reicht, dass ich ein Stück davon mitgenommen habe.

Wenn du planst, hinzufahren, check die Wettervorhersage genau. Und frag vor Ort nach den aktuellen Bedingungen. Die Einheimischen wissen Bescheid. Sie erzählen dir gern, wo es gerade gut ist. Ich habe das gemacht und nie bereut. Der Lough Corrib gibt dir etwas, wenn du ihm Zeit gibst. Kein großes Spektakel, sondern etwas Ruhiges, Echtes. Ich habe das gefühlt, als ich abends zurück zum Auto gegangen bin. Die Sonne stand tief und das Wasser hat golden geglänzt. Ich habe mich umgedreht und noch einmal hingeschaut. Dann bin ich losgefahren, aber ein Teil von mir ist geblieben.