Salthill Promenade in Galway
Du kommst in Galway an und fragst dich, wohin der erste Weg führt. Ich habe das vor ein paar Jahren selbst erlebt. Der Bus setzt dich am Eyre Square ab, und schon nach wenigen Minuten Fußweg oder mit dem Bus Richtung Westen bist du am Anfang der Promenade. Der Pfad beginnt am Claddagh Quay, wo die Boote schaukeln und das Wasser der Bucht schon riechbar wird. Du brauchst keine Karte. Einfach geradeaus am Meer entlang.
Ich habe den Weg das erste Mal bei leichtem Nieselregen genommen. Die Schuhe habe ich fest geschnürt, eine dünne Jacke übergezogen. Nach zwanzig Minuten merkst du, wie der Wind vom Atlantik herüberkommt. Er ist nicht brutal, sondern stetig. Du spürst ihn im Gesicht und auf den Händen. Der Pfad ist breit genug für zwei nebeneinander, flach und eben. Keine Steigungen, keine Stolperfallen. Nach drei Kilometern endet er am Blackrock. Hin und zurück sind es also sechs Kilometer, die du in gut einer Stunde schaffst, wenn du nicht stehen bleibst. Ich habe das mehrmals gemacht und immer wieder neue Einzelheiten entdeckt.
Du gehst vorbei an Bänken, auf denen ältere Paare sitzen und schweigend aufs Wasser schauen. Einmal habe ich eine Frau gesehen, die ihren Kaffee aus einem Thermobecher trank und dabei lächelte. Kein Wort zu mir, aber das Lächeln war echt. Weiter vorn rennen Jogger in bunten Schuhen. Manche grüßen mit einem kurzen Nicken. Ich weiß nicht, ob sie denken, dich zu kennen oder einfach höflich sind. Es fühlt sich trotzdem vertraut an. Kinder laufen voraus zu den kleinen Stränden darunter. Salthill Beach und die Ladies Beach liegen direkt unter dir. Bei Ebbe siehst du den Sand, bei Flut nur die Wellen, die gegen die Steine schlagen.
Der Höhepunkt kommt am Ende. Die Blackrock Diving Tower steht dort wie ein altes Betonrelikt. Ich habe gesehen, wie ein Mann Mitte fünfzig in Badehose die Leiter hochkletterte. Er zögerte kurz, dann sprang er. Das Wasser war kalt, das hörte man am Klatschen. Drei Teenager warteten unten und lachten. Im Sommer springen hier Dutzende. Im Winter sind es weniger, aber immer noch welche. Du musst nicht springen. Du kannst einfach zusehen. Ich habe das getan und mich gefragt, ob ich das je wagen würde. Bis heute nicht.
Direkt gegenüber der Plattform steht eine niedrige Mauer. Die Einheimischen treten dagegen, bevor sie umdrehen. Ich habe das zuerst für einen Witz gehalten. Dann habe ich es selbst probiert. Ein leichter Tritt mit dem Fuß, nichts Dramatisches. Es fühlt sich albern an und gleichzeitig richtig. Viele tun es. Du siehst die abgenutzten Stellen am Stein. Keiner erklärt es groß, aber alle machen mit. Ich habe danach immer ein bisschen leichter weitergegangen.
Auf dem Rückweg verändert sich das Licht oft. Einmal brach die Sonne durch, und die Hügel von Clare auf der anderen Seite der Bucht leuchteten grün. Du siehst die Aran Islands manchmal als schwache Umrisse am Horizont. An anderen Tagen liegt alles in Grau. Beides hat seinen Reiz. Ich habe gelernt, keine bestimmte Wettervorhersage abzuwarten. Nimm einfach eine Regenjacke mit. Sie wiegt fast nichts und rettet den Spaziergang.
Praktisch gesehen brauchst du nicht viel. Gute Schuhe, die nicht nass werden. Ein kleiner Rucksack für Wasser und einen Snack. In Salthill gibt es Cafés und Pubs direkt am Ende des Weges. Ich habe dort schon einen Kaffee getrunken und den Leuten zugeschaut, die gerade vom Prom zurückkamen. Manche hatten rote Wangen vom Wind. Andere wirkten entspannt, als hätten sie Stunden Zeit gehabt. Der Bus zurück in die Stadt fährt alle halbe Stunde. Du kannst ihn an der Haltestelle neben dem Hotel nehmen. Oder du läufst die drei Kilometer wieder, was ich meistens tue. Es lohnt sich.
Einmal bin ich frühmorgens hingegangen. Die Promenade war fast leer. Nur ein paar Hundebesitzer und ich. Das Wasser lag still. Kein Sprung von der Plattform, kein Treten gegen die Mauer. Nur Schritte und das leise Rauschen. Du hörst dann deine eigenen Gedanken deutlicher. Ich habe mich gefragt, warum so ein einfacher Weg so viele Menschen anzieht. Vielleicht weil er nichts verlangt. Kein Ticket, kein Plan, keine App. Du gehst einfach los.
Später am Tag wird es lebendiger. Familien kommen mit Kinderwagen. Paare halten Händchen. Ein Radfahrer überholt vorsichtig. Ich habe nie Gedränge erlebt, auch nicht an sonnigen Tagen. Die Promenade schluckt die Menschen irgendwie. Sie verteilen sich. Du findest immer einen Platz zum Setzen, wenn du willst. Die Bänke stehen in regelmäßigen Abständen. Manche haben kleine Plaketten mit Namen. Jemand hat hier gern gesessen.
Wenn du in Galway bist, lohnt es sich, den Weg mehrmals zu machen. Morgens für die Ruhe. Abends für das Licht, das langsam verblasst. Ich habe einmal bei Dämmerung den Rückweg angetreten. Die Lichter der Stadt gingen an. Die Bucht wurde dunkler. Du spürst die Kälte aufsteigen, aber sie stört nicht. Sie gehört dazu.
In Salthill selbst gibt es kleine Läden und Restaurants. Ich habe dort schon Fish and Chips gegessen, direkt nach dem Spaziergang. Die Portion war groß genug für zwei. Du kannst draußen sitzen, wenn der Wind nicht zu stark ist. Viele tun das. Die Kellner kennen die Gäste vom Prom. Sie fragen nicht lange, was du möchtest. Sie wissen es oft schon.
Der Weg ist barrierefrei. Ich habe Rollstuhlfahrer gesehen, die problemlos vorankamen. Eltern mit Buggy ebenfalls. Niemand hetzt. Das Tempo bestimmst du selbst. Ich habe gelernt, langsam zu gehen. Nicht weil ich müde war, sondern weil es sich besser anfühlte. Du siehst dann mehr. Einen Seevogel, der auf einem Pfosten landet. Eine Muschel, die jemand auf die Mauer gelegt hat. Kleinigkeiten, die bleiben.
Manchmal frage ich mich, ob die Promenade immer so wirkt oder ob ich sie nur so sehe, weil ich aus der Stadt komme. Ich weiß es nicht genau. Aber jedes Mal, wenn ich zurückkomme, fühlt es sich gleich an. Der Wind, die Bucht, die Schritte. Du gehst los und kommst anders wieder. Nicht verändert, nur ein bisschen leichter.
Wenn du das nächste Mal in Galway bist, nimm den Bus oder lauf vom Zentrum aus los. Trag feste Schuhe. Lass die Jacke nicht zu Hause. Und am Blackrock, tritt gegen die Mauer. Du wirst sehen, was ich meine. Es ist nichts Besonderes und gleichzeitig genau das Richtige.