Connemara – im wilden Westen Irlands

Ich habe Connemara zuerst auf einer Karte gesehen. Ein Stück Land am Rand von Irland, mehr Wasser als Straße, mehr Grau als Grün. Später stand ich dort im Regen, die Schuhe waren schnell nass. Der Wind kam von allen Seiten, so als wüsste er selbst nicht, wohin.

Ich habe versucht, den Ort zu begreifen. Die Hügel wirkten niedrig, aber sie verlangten Geduld. Kein Weg war gerade. Nach einer Stunde hatte ich das Gefühl, mich im Kreis zu drehen. Ein Schäfer mit nasser Jacke ging an mir vorbei, er nickte nur. Ich verstand das als Zustimmung, obwohl es keine war.

Du würdest dort nichts finden, was sofort glänzt. Keine klaren Linien, keine einfachen Bilder. Das Meer sieht aus, als wäre es schon lange müde. Trotzdem hört es nicht auf, Wellen zu werfen. Ich habe eine Stunde lang einfach zugesehen. Es passiert nichts, und genau deshalb bleibt man stehen.

Die Häuser sind verstreut, manchmal steht ein rotes Dach zwischen grauen Steinen. Ich habe gesehen, wie Menschen ihre Gärten mit alten Fischernetzen umzäunen. Der Boden ist nass, das Gras wächst in Schichten. Die meisten reisen im Sommer dorthin, aber im März ist es ehrlicher. Weniger Postkarten, mehr Wind.

Du brauchst dort kein Ziel. Nur Zeit. Wenn du gehst, geh langsam. Wenn du anhältst, bleib kurz länger stehen. Ich habe das erst am dritten Tag verstanden.

Ich habe in Clifden übernachtet, in einem kleinen Gästehaus neben der Hauptstraße. Nachts war es still, obwohl unten das Pub noch Licht hatte. Am Morgen habe ich den Sky Road genommen. Die Kurven öffnen den Blick auf Buchten, auf winzige Strände, auf graue Häuser, die sich aneinander lehnen. Kein großes Spektakel, eher ein gleichmäßiger Rhythmus von Licht und Schatten. Ich musste oft anhalten, nicht für Fotos, einfach um zu schauen.

Von dort bin ich zum Kylemore Abbey gefahren. Ich hatte sie Dutzende Male auf Bildern gesehen, aber in echt steht sie still und schwer zwischen Wasser und Hang. Die Mauern spiegeln sich im See, als wollten sie beweisen, dass sie dazugehören. Ich bin den Weg zum viktorianischen Garten gegangen. Niemand sprach dort. Ich habe nur das Geräusch von Kies unter den Schuhen gehört.

Du könntest auch zum Killary Harbour fahren, dem einzigen Fjord Irlands. Ich habe das Wasser dort fast schwarz gesehen, mit silbernen Streifen, wenn das Licht kurz durchbrach. Ein paar Boote lagen still. Muschelfarmen ziehen sich entlang des Ufers, ordentlich, fast geometrisch. Wenn du dorthin gehst, nimm dir Zeit für Leenaun, ein Dorf, das mehr aus Wind als aus Mauern besteht.

In Roundstone habe ich am Hafen einen Kaffee getrunken. Ein älterer Mann erzählte, dass er früher Bodhráns gebaut hat, irische Rahmentrommeln. Ich konnte den Geruch von Holzleim und Ziegenfell noch in der Luft spüren. Etwas davon bleibt hängen, auch wenn du wieder fährst.

Ich habe verstanden, dass Connemara nichts erklären will. Es zeigt sich kurz, dann wieder nicht. Wenn du etwas siehst, das dich anspricht, bleib da. Wenn nicht, fahr weiter. Die Landschaft ändert sich alle paar Kilometer. Mal Torf, mal Heide, mal Wasser.

Du könntest in Letterfrack im Besucherzentrum des Nationalparks anfangen und dann den Diamond Hill hinaufgehen. Der Aufstieg ist nicht schwer, aber lang. Oben siehst du fast alles auf einmal: den Atlantik, die Inseln, den Regen, der sich nähert. Ich habe mich hingesetzt und gewartet, bis er kam.

brown and black mountains under blue sky during daytime
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brown and green mountains under white clouds during daytime