National Museum of Ireland
Du läufst durch die Straßen von Dublin und biegst irgendwann in die Kildare Street ein. Das National Museum of Ireland liegt dort fast unauffällig. Ich habe es an einem gewöhnlichen Vormittag betreten und gleich gemerkt dass der Eintritt frei ist. Das hat mir schon den ersten Druck genommen. Keine Schlange am Schalter keine hektische Ticketkontrolle. Einfach rein und los.
Ich habe zuerst die Treppe genommen und bin in den großen Saal mit den Schätzen gekommen. Dort steht der Ardagh Chalice. Ein Gefäß für den Messwein aus der frühen irischen Kirche. Ein junger Mann hat es beim Kartoffelgraben gefunden. Die Form erinnert an römische Tischware doch die Verarbeitung ist rein irisch. Die feinen Gravuren und die eingesetzten Steine wirken so präzise dass du dich fragst wie die Handwerker das ohne moderne Werkzeuge geschafft haben. Ich habe eine Weile davor gestanden und mir vorgestellt wie jemand dieses Stück in der Hand hielt während er die Messe las. Du spürst die Sorgfalt in jedem Millimeter.
Gleich daneben liegt der Tara Brooch. Nicht aus Tara sondern aus dem Sand bei Bettystown an der Küste. Die Brosche zeigt was irische Metallarbeiter konnten. Jeder winzige Teil sitzt perfekt. Gold Silber und Glas. Techniken die sich auf so kleinem Raum mischen dass du fast die Lupe brauchst um alles zu sehen. Ich habe mich gefragt ob die Leute die das trugen wussten wie wertvoll ihre Kleidung war. Für mich war es einfach schön zu sehen dass etwas so Altes noch so frisch aussieht.
Dann bin ich weiter in den Bereich gegangen wo die Bog Bodies liegen. Die Ausstellung heißt Kingship and Sacrifice und sie zeigt dir direkt was passiert wenn ein Körper im Moor liegt. Clonycavan Man und Oldcroghan Man. Beide aus der Eisenzeit. Oldcroghan Man hat Hände die du nie vergisst. Die Fingernägel sind noch da die Hautfalten und sogar die kleinen Linien die jeder von uns hat. Ich habe mich vorgebeugt und gedacht dass dieser Mann vor langer Zeit genau diese Finger benutzt hat um zu arbeiten oder zu greifen. Die Ausstellung erklärt dass solche Körper oft an Grenzen von Stämmen gefunden wurden und dass es vielleicht Rituale um Königtum und Opfer gab. Gallagh Man und Baronstown West Man sind auch dort. Keine dramatische Inszenierung einfach die Fakten und die Reste. Du siehst die Torfspuren und die Art wie der Körper erhalten blieb. Ich habe das nicht gruselig gefunden sondern nah. Als ob die Vergangenheit plötzlich atmet.
Neben den Körpern liegen Stücke von Bog Butter. Butter die Leute in Holzfässern oder Rinde im Moor vergraben haben. Von der Bronzezeit bis ins Mittelalter. Manche Gefäße sind noch intakt. Ich habe ein paar davon betrachtet und mir überlegt warum jemand seine Butter so versteckt. Vielleicht als Vorrat oder als Gabe. Die Ausstellung zeigt dir die Verbindung zu den Körpern. Alles was im Moor landet bleibt. Das ist kein Zufall es ist eine Eigenschaft des Bodens.
Ich habe auch den Cross of Cong gesehen. Er wurde gemacht um ein Stück vom wahren Kreuz aufzubewahren. Das Holz ist mit Bronze und Edelsteinen verziert. Du erkennst sofort dass das kein Alltagsgegenstand war. Die Form ist klar und die Arbeit so genau dass du die einzelnen Teile zählen kannst. Ich habe mich hingesetzt und einfach geschaut. Kein Führer hat mich gedrängt. Das Museum lässt dir Raum.
Nach einer Stunde bin ich nach draußen gegangen und habe gemerkt dass meine Beine schon müde waren. Praktischer Tipp von mir: nimm dir bequeme Schuhe mit. Das Gebäude hat mehrere Ebenen und du läufst mehr als du denkst. Ich habe zwei Stunden gebraucht und hätte noch länger bleiben können. Wenn du dienstags bis samstags um zehn kommst ist es meist leerer. Sonntags und montags öffnet es erst um eins. Ich habe das ausprobiert und fand den Vormittag besser. Dann hast du die Räume fast für dich.
Von der Kildare Street aus kannst du zu Fuß zu den anderen Standorten gehen. Collins Barracks liegt im Westen der Stadt. Dort ist jetzt das Decorative Arts & History Museum. Ich bin mit dem Bus hingefahren und habe den Rest des Tages dort verbracht. Das Gebäude ist eine alte Kaserne und die Ausstellung zeigt dir Möbel Kleidung und Militärgeschichte. Weil das Natural History Museum in Merrion Street renoviert wird findest du dort auch Teile davon im Dead Zoo Lab. Die ausgestopften Tiere stehen in alten Vitrinen. Du siehst den irischen Riesenhirsch mit seinen riesigen Geweihen und daneben Vögel und Säugetiere die früher hier lebten. Ich habe eine halbe Stunde bei den Insektenkästen gestanden. Über zwei Millionen Exemplare hat die Sammlung insgesamt. Du siehst nur einen Bruchteil aber es reicht um zu verstehen wie vielfältig die Natur hier war.
Wenn du Zeit hast lohnt sich auch der Weg nach Turlough Park in Castlebar. Das Country Life Museum zeigt das Leben auf dem Land. Ich habe es bei einer Autofahrt durch den Westen besucht. Die Ausstellungen sind in einem modernen Gebäude inmitten von Grün. Du siehst alte Werkzeuge Küchen und Kleidung aus der Zeit als die meisten Iren noch von der Landwirtschaft lebten. Praktisch für dich: nimm den Zug oder den Bus nach Castlebar und plane einen halben Tag ein. Danach kannst du durch den Park spazieren und die frische Luft genießen. Es fühlt sich an als ob du ein Stück Alltag aus früheren Jahrhunderten mitnimmst.
Ich habe bei meinem Besuch gemerkt dass das Museum nicht nur Dinge zeigt sondern dir Zeit gibt. Keine laute Musik keine überfüllten Räume. Du kannst in deinem Tempo gehen. Ich habe eine Pause im Café bei Collins Barracks gemacht und einen Kaffee getrunken. Danach war ich wieder fit für die nächsten Säle. Wenn du hungrig wirst gibt es in der Nähe von Kildare Street kleine Lokale wo du etwas Einfaches isst. Ich habe einmal einen Sandwich genommen und mich auf eine Bank im St. Stephen’s Green gesetzt. Fünf Minuten Fußweg vom Museum. Dort sitzen Leute und schauen den Enten zu. Passt gut nach so einem Morgen.
Ein anderer Tipp: nimm keine großen Taschen mit. Die Garderobe ist klein und du willst nicht ständig zurücklaufen. Ich habe nur meinen Rucksack mit Wasser und einem Notizblock dabeigehabt. Das hat gereicht. Fotografieren ist erlaubt solange du kein Blitz benutzt. Ich habe ein paar Bilder von den Händen des Oldcroghan Man gemacht weil ich die Details später noch einmal sehen wollte.
Was mich am meisten beeindruckt hat war die Mischung aus Alltag und Besonderem. Die Bog Butter neben den Königsopfern. Der Chalice neben der Brosche. Alles zusammen zeigt dir wie Menschen hier gelebt haben. Nicht als ferne Geschichte sondern als etwas das du fast berühren kannst. Ich bin nicht sicher ob das bei jedem so ankommt. Manche gehen vielleicht nur wegen der Goldstücke hin. Für mich war es die Kombination aus Präzision und Erhaltung die den Unterschied gemacht hat.
Wenn du nach Dublin kommst und einen freien Vormittag hast geh einfach hin. Du wirst sehen wie die Dinge aus der Erde geholt wurden und trotzdem ihre Form behalten haben. Ich habe das Gefühl mitgenommen dass die Vergangenheit nicht weg ist. Sie liegt nur ein bisschen tiefer unter der Oberfläche. Und manchmal reicht ein Museum um sie wieder ans Licht zu holen.

